Die sieben alten Damen mit ihren Silberlöckchen sahen bezaubernd aus. Sie gingen schwatzend und kichernd auf das Mausoleum im Charlottenburger Schloßpark zu. Ich mußte ihnen ganz einfach folgen. Der Wärter blickte von seiner Zeitungslektüre nur kurz auf, die sieben erklommen ein paar Stufen und gruppierten sich dann um einen der vier Sarkophage. Nachdem eine von ihnen ein kleines Blumengebinde niedergelegt hatte, hub sie an: "Heute, am 188.

Todestag von Königin Luise, wollen wir, meine Damen, ihrer gedenken." Dann las sie ein Gedicht vor, dessen Zeilen wegen altersbedingter Harthörigkeit und pietätvollen Abstands, den ich meinte wahren zu müssen, mir verschlossen blieben.

188 Jahre, ein krummes Datum. Kein Anlaß für Gedenkartikel, aber Anlaß für die sieben, die geliebte Luise, die dem bösen Napoleon ihre schöne Stirne bot, zu ehren. Daniel Rauch hat die Tote auf dem Sarkophag als Schlummernde modelliert mit leicht zur Seite geneigtem Köpfchen - sie wurde gerade 34 Jahre alt. Bei erster in Augenscheinnahme des Modells brach der Witwer in einen Strom von Tränen aus, wie die Geschichtsbücher erzählen. Vom Dom, wo sie zwischenlagerte, wurde sie Monate nach ihrem Tod in jenes Mausoleum gebracht. Die Berliner standen am Straßenrand und heulten. Wie die Londoner bei Diana.

Die Strecke führt durch den Tiergarten, womit wir bei der zweiten Begegnung an jenem Sonntag wären: den grillenden Türken. Vor drei Jahren noch waren sie ein beliebtes und kontroverses Thema in den Medien der werdenden Hauptstadt.

Da wurde das Multikulturelle dem mißhandelten Mini-Biotop, sprich Rasen, entgegengesetzt. Der Streit ist beigelegt. Die Türken dürfen mit senatlicher Erlaubnis grillen (allerdings nicht überall). Und wenn der Wind weht, müßte der Bundespräsident in seinem Schlößchen die Döner-Schwaden riechen, und sein kochendes Frauchen könnte sich unter die türkischen Kopftücher mischen und nach Rezepten für ein neues Kochbuch Ausschau halten.

Es ist ein friedliches Völkchen, das da brutzelt und grillt, palavert und spielt, Alte und Junge und ganz Kleine. Der ganze weite Garten bietet ein buntes Bild, die ja noch gar nicht so alten Eichen und Buchen, nach dem Krieg angepflanzt, spenden den an diesem heißen Sonnentag so nötigen Schatten. Am S-Bahnhof Tiergarten demonstriert eine Handvoll junger Vegetarierinnen für ein gesundes Leben ohne Fleisch. Die Türken lassen sich ihren Appetit dadurch nicht verderben, es gibt, Gott und Allah sei Dank, genug Lämmer auf den märkischen Fluren.

Nächtens unruhiger Schlaf. Merkwürdige Träume. Königin Luise, Arm in Arm mit ihrer Schwester Friederike nebst einem Schwarm von Hofdamen, mischt sich unter das grillende Volk. Luise probiert ein Fleischbällchen. "Delikat", ruft sie und verlangt nach mehr. Der König lächelt glücklich. Er ist am Straßenrand mit seinem Adjutanten, dem General Schönbohm, zurückgeblieben.