Bei Arvo Pärt wird es einem nie heiß im Sinn, doch immer warm ums Herz. Wenn die sanften Dreiklänge baumeln und die stillen Linien vorüberziehen, ist dem Menschen fromm zumute, denn alles erinnert ihn an jene kindlichen Augenblicke, da Musik noch rein war und keine Sorgen kannte. Doch Gelöstheit des Jubels wird man bei dem 1935 in Tallinn geborenen Komponisten vergebens erlauschen wollen, denn in den Domen seiner geistlichen Musik wird kein Pfingsten gefeiert. Alles hängt in Schwebespannung, sozusagen im verschwiegenen Zwischenbereich des Karsamstag.

Es bleibt jedem selbst überlassen zu entscheiden, ob Pärt sich katholischer Magie oder profaner Masche zuneigt, und die Frage zu lösen, ob sein Weihrauch chemisch wirkt. Hört man die neue Aufnahme des famosen englischen Vokalensembles "Polyphony" (Hyperion 669 60, Vertrieb: Koch Records), wird man der Musik originelle, ja kühne Lösungen bei der Textdeutung schwerlich absprechen können. Das Sanctus der "Berliner Messe" etwa (in der Fassung mit Orgel statt Streichern) dämmert in schwerem cis-Moll vor sich hin, daß man an schwarze Farbe einer Krypta denkt, nicht ans Sonnenlichtspiel im Hochchor.

Doch zieht Finsteres mit grandioser Sinnlichkeit auf, das werden selbst Pärt-Verächter einräumen müssen.

Diese Musik ist zugleich ein Polster auf der harten Bank der menschlichen Ungeduld, denn sie setzt die Zeit außer Kraft. Bevor sie erklingt, scheint sie schon da. Das tastende "Agnus Dei" muß ein Dirigent sogar gegen seinen eigenen Herzschlag empfinden. Stephen Layton gelingt das - und so darf die Musik am Ende, gleich einer Fensteröffnung zur Metaphysik, nach E-Dur hinübergleiten. Das ist von Pärt ganz lakonisch gelöst (als Kanon im Viertelnoten-Abstand), und doch spendet er, streng theologisch, die Tröstungen eines Abschieds, der den Himmel sieht und nicht nur die Gräber.

Damit der Hörer nicht vollends in Andacht fällt, setzt die CD geschickt auf Balance. Und siehe: Das Orgelstück "Annum per Annum" (abermals im Gewand einer Messe) erweist sich unter Andrew Lucas' Händen und Füßen als ernste, gewiß verspielte, doch nie salopp klingelnde Kunst

die "Coda" ist ein einzig schwellender Rausch in D-Dur. Die sieben Magnificat-Antiphonen geben sich als Miniaturen, sie verdichten das vorweihnachtliche Wort wie tönende Epigramme.

"The Beatitudes" sind die reine Sehnsucht. Wer hier den Gattungsklotz der Minimal music draufknallt, zertrümmert den Geist der Musik.