Hier und da über die Jahre hinweg ein Bild, ein Klang von Mikalojus Konstantinas Ciurlionis, dem litauischen Doppelkünstler, dem Maler und Komponisten, der 1911 im Alter von nur 36 Jahren starb und über den Vytautas Landsbergis, der 1990 als Präsident des Höchsten Rates die Unabhängigkeit Litauens von der UdSSR proklamierte, ein Buch geschrieben hat. Im Land von Philipp Otto Runge, dessen romantisch-allegorische Kunst im Traum von der Synästhesie der Künste kulminierte, war Ciurlionis, außerhalb seines Landes und des Zirkels der Sonderlinge, schon gelegentlich eine willkommene Entdeckung. Im Zusammenhang der Berliner Festwochenausstellung waren 1979 im Charlottenburger Schloß 36 Bilder zu sehen (wer möchte das einen Zufall nennen bei einem so symbolistischen Künstler) und seine Kompositionen zu hören, die Resonanz war groß. Im Jahr 1985 war Ciurlionis in Karin v. Maurs umfassender Ausstellung "Vom Klang der Bilder" in der Stuttgarter Staatsgalerie zu sehen, 1989 zeigte dann das Wilhelm Lehmbruck Museum in Duisburg eine Ausstellung "Ciurlionis und die Litauische Malerei 1900-1942", und 1995 war er in der Frankfurter Schirn bei der Ausstellung "Okkultismus und Avantgarde" dabei.

Und nun hat das Wallraf-Richartz-Museum drei Räume leer gemacht für Ciurlionis' von sanften Sphärenklängen erfüllte, kleinformatige Bilder, Epilog einer Initiative der im Frühjahr aus dem Amt geschiedenen Kulturreferentin Kathinka Dittrich. Unten im Museumshaus herrscht derweil die explosive Daseinslust und großformatige Imaginationsfreude von Robert Rauschenberg, und natürlich ist es leer bei Ciurlionis und voll bei Rauschenberg. Das ist völlig in Ordnung so, und abgesehen einmal davon mag auch niemand dem Rheinländer den Hang zur Spiritualität nachsagen.

Die aber ist die zarte Flamme, die das Werk dieses litauischen Künstlers illuminiert, der in seiner Heimat als Nationalheld verehrt wird, eine Rolle, die er zur Hälfte ausfüllt, denn seiner Nation und ihrem Kampf um die politische Unabhängigkeit fühlte er sich als Mensch und Künstler zutiefst verbunden, aber zum Helden fehlte ihm, der 1911 in einem Warschauer Sanatorium entkräftet und in geistiger Umnachtung starb, die Robustheit. Um so eindrucksvoller, daß man seinem Werk in Kaunas ein Museum gebaut hat.

Ciurlionis wurde 1875 als ältestes von neun Kindern im Gouvernement Vilnius geboren, sein litauischer Vater war Organist, seine Mutter deutscher Abstammung. Das musikalische Wunderkind armer Eltern besuchte das Warschauer Konservatorium, studierte dann in Leipzig, komponierte kleinere Préludes für Klavier, konzipierte die großen symphonischen Orchesterwerke "Im Wald" und "Das Meer", lehnte eine Dozentenstelle ab, deren Einkünfte er bitter hätte gebrauchen können, um 1904 das Studium der Malerei in Warschau zu beginnen, sich mit Astronomie, Astrologie und der Kabbala zu beschäftigen, Tolstoj, Dostojewskij, Maeterlinck und Nietzsche zu lesen. Innerhalb von sechs Jahren entsteht dann sein bildkünstlerisches Werk, rund 300 Bilder, Zeichnungen, Graphiken, die meisten als Zyklus angelegt, der größte umfaßt dreizehn Bilder und heißt "Schöpfung der Welt", Titel wie "Sonate", "Präludium" und "Fuge" geben den Rückverweis auf die Musik. Eine Biographie und Werkgeschichte aus dem Bilderbuch der Irritationen der Jahrhundertwende. Melancholisch verschattete Blauäugigkeit artikuliert sich in diesem Bestreben, eine gleichermaßen ersehnte wie gefürchtete neue Welt mit beschwörenden, gelegentlich okkultistischen Formeln in einer höheren Harmonie, einer großen Synthese von Geist und Natur zu imaginieren.

Wenn Ciurlionis' kompositorische Naturbeschwörungen in ihrer impressionistischen Gestimmtheit wie gemalte Musik erscheinen, so sind seine Bilder der Versuch, kosmische Visionen in einen Bildklang umzusetzen. Odilon Redon, der sich selber einen "peintre symphonique" genannt hatte, der Wiener und der russische Jugendstil liefern das Formenvokabular, mit dem Ciurlionis seine pastellfarbenen Weltlandschaften und Fabelreiche gestaltet. Aus verfließenden Konturen formen sich zwischen Himmel, Wasser und Erde kristalline Formen, schattenhafte Architekturen, gestirnte Himmel, aus denen hier und da ein Ritter- oder Rübezahlwesen hervorscheint. Ornament und Abstraktion vereinigen sich in aller Unschuld zu einem visionären Märchen, das die späten kunsthistorischen Debatten über die Genese der abstrakten Kunst, die Will Grohmann im Namen von Nina Kandinsky glaubte führen zu müssen, etwas lächerlich aussehen läßt.

Die Kölner Ausstellung, bescheiden genug markiert im großen Doppelhaus Wallraf-Richartz/Ludwig, zeigt vor allem die den Themen Weltschöpfung und Jahreszeiten gewidmeten Bildzyklen, dazu auch kleinere Zeichnungen, Partituren, Manuskripte. Unverständlich, daß man ausgerechnet heute und ausgerechnet im Falle dieses Doppelkünstlers es nicht für nötig gehalten hat, in einem Raum die Musik von Ciurlionis wenigstens über Kopfhörer verfügbar zu machen. Am Eingang/Ausgang steht ein Pult, auf dem ein Gästebuch liegt. Ein Ripsband in den litauischen Nationalfarben Gelb, Rot, Grün markiert die aufgeschlagene Seite. Begeisterte und anrührende Kommentare, in denen auch nach der Musik gefragt wird. Schlägt man zum Anfang zurück, so sieht man, daß dieses Buch 1979 aus Anlaß der Berliner Festwochen begonnen wurde. Der damalige Berliner Bürgermeister Dietrich Stobbe und Festwochenpräsident Ulrich Eckhardt trugen sich als erste ein. Auf der Einladung zur Eröffnung der Ausstellung ist zu lesen: "Der stellvertretende Kultusminister der Litauischen Sowjetrepublik Dainas Trinkunas spielt eine Auswahl aus den Präludien für Klavier von Mikalojus Konstantinas Ciurlionis." So etwas gibt es, gab es, in einem sogenannten kleinen Land, denkt man, verläßt die Ausstellung und sieht auf der gegenüberliegenden Wand ein fettes Geflügelstilleben von Frans Snyders.

Wallraf-Richartz-Museum bis zum 30. August, Katalog 39,- DM