Moralische Autorität sei das Unterpfand der Macht eines Präsidenten, heißt es in der politischen Folklore Amerikas. Als zwingend hat sich das nur selten erwiesen, bei Bill Clinton schon gar nicht. Trotz mancher Zweifel an seinem Charakter hat er das Land erfolgreich geführt. Die Amerikaner sind zufriedener als seit langem, und sie danken es dem Mann im Weißen Haus mit hohen Popularitätsraten. Jetzt droht der leidige Fall Lewinsky die Idylle zu zerstören.

Was seit Beginn des Jahres mit Gemunkel begann und sich zu einer Gerüchteorgie in den Medien steigerte, bringt nun Clintons Präsidentschaft in Gefahr. Haben der Präsident und die ehemalige Hospitantin im Weißen Haus, Monika Lewinsky, eine Affäre miteinander gehabt? Seinem Nein unter Eid könnte bald ihr beeidigtes Ja entgegenstehen. Lange hat der Sonderankläger Starr für diesen Durchbruch bei seinen unerbittlichen Ermittlungen gebraucht. So lange, daß das amerikanische Publikum endlich von der lästigen Lewinsky-Litanei befreit sein möchte.

Für den Präsidenten bedeutet die Ungeduld nichts Gutes. Sein Manövrierraum schwindet. Selbst seine Parteifreunde drängen ihn inzwischen, sich dem starrköpfigen Sonderankläger zu stellen. Deshalb wird Clinton, aller Voraussicht nach, eine Aussage nicht mehr lange verweigern können. Es scheint nur noch um die Modalitäten dieses Präzedenzfalles in der Geschichte der amerikanischen Präsidentschaft zu gehen. Fast ebenso schlimm für Clinton: Auch sein engster Rechtsberater wird aussagen müssen. Nachdem bereits die Leibwächter vor die Grand Jury gezwungen wurden, wird damit die Vertrauenszone um den Präsidenten weiter durchlöchert.

Wo und mit wem kann er noch offen reden? Sosehr viele Amerikaner die Isolierung ihres Präsidenten bedauern mögen, eine Genugtuung wird bei manchen dennoch mitschwingen: Vor dem Recht sind alle gleich, selbst der mächtigste Mann des Landes. Die Ironie läßt sich jedoch nicht verdrängen, daß das Gleichheitsprinzip ausgerechnet im Zusammenhang mit einem möglichen Sex-Skandal bestätigt wird. Denn was auch der Mehrheit bisher eher als läßliche Sünde erschien, ist im Vergleich etwa zu Watergate eine Bagatelle.

Damals ging es um Staatsverbrechen, diesmal könnte eine gefährliche Liebschaft in eine Falle geführt haben. Sie gewönne nur dann eine bedrohliche Dimension, wenn das Weiße Haus die mögliche Partnerin des Präsidenten zum Lügen gezwungen hätte.

Aber auch so wachsen Bill Clintons Schwierigkeiten. Justiz und parteipolitische Ranküne werden ihn noch stärker als während der vergangenen Monate in den Griff nehmen. Ein Verfahren im Kongreß zur Amtsenthebung ist nicht mehr auszuschließen. Die Gefahr eines "halben Präsidenten" der einzigen Weltmacht gewinnt bedrückende Aktualität.