Hamburg

Washington rudert zurück. "Die Kavallerie kommt nicht", verkündet lakonisch das Pentagon, wo es eben noch hieß, Luftschläge gegen Bodenziele in Jugoslawien seien eher eine Frage von Tagen als von Wochen. Aber das kann sich morgen schon wieder ändern. Improvisation und Kurzatmigkeit sind nun einmal das Markenzeichen der westlichen Balkanpolitik.

Daß es an Vorwarnzeit gemangelt hätte, läßt sich schwer behaupten. Acht Jahre dauert die Entrechtung der Kosovo-Albaner durch Belgrad an. Solange nur passiver Widerstand die Antwort war, hat sich niemand dafür interessiert. Wer kannte schon vor sechs Monaten eine Organisation mit Namen UCK? Aber genau dann pflegt die Maschinerie internationaler Krisenbewältigung anzuspringen, wenn der optimale Zeitpunkt verstrichen ist.

Zur Beilegung des Konflikts führt heute kein anderer Weg als damals. Eine Übereinkunft ist auszuhandeln, die den Bewohnern des Kosovo friedliche und gerechte Lebensbedingungen sichert, der albanischen Mehrheit wie der serbischen Minderheit. Nur haben sich dafür mittlerweile die Voraussetzungen drastisch verschlechtert. Zuerst muß eine Feuerpause, besser: ein Waffenstillstand her.

Aber die Hardliner beider Seiten fragen, wofür sie dann wohl Opfer gebracht haben. Im Lager der Separatisten ist unklar, wer überhaupt verhandeln darf.

Schattenpräsident Rugova kann sich zwar auf ein frisches Wählervotum berufen, doch seine Gefolgschaft schmilzt zusehends dahin. Der Untergrundarmee hingegen fehlt nicht nur ein politischer Kopf, sondern auch eine andere Legitimation als die Macht ihrer Waffen.

Ein Blick auf die Landkarte Europas lehrt, daß es der europäischen Diplomatie auch künftig nicht erspart bleiben wird, mit Krisenlagen vom Schlage des Kosovo umgehen zu müssen. Dafür ist sie höchst unzureichend gerüstet. Zu einer Bündelung ihrer Kräfte hat sie sich noch immer nicht aufgerafft. Die auf ein vorbeugendes Konfliktmanagement spezialisierten Sicherheitsorganisationen, die Uno, die OSZE, wurden Schritt für Schritt aus dem Geschäft gedrängt.