Niemand, der geistig auf sich hält, glaubt heute noch an Umfragen.

Deshalb hat man in Niedersachsen mehrere Gänge zugelegt: Die Landtagswahl wurde zum Kanzlerkandidatenentscheid umgewidmet, von dessen Ergebnis wir noch lange zehren. Ermutigt durch diesen Erfolg, hat man jetzt, statt die Menschen draußen im Lande umständlich zu befragen, ein weiteres Humanum gleich real getestet. Was geschieht mit einer Ehe, hetzt man die Beteiligten drei Tage in der Woche aufeinander? Dank VW Wolfsburg wissen wir es jetzt. Seit Einführung der Viertagewoche ist dort die Scheidungsrate um 48 Prozent gestiegen.

Vermutlich bei denselben Leuten, die bei einer normalen Umfrage naiv und völlig verlogen geantwortet hätten: Mein Mausispatz schon freitags zu Hause?

Wie wunderbar, dann fahren wir an den Baggersee, gehen mal endlich wieder ins Theater, spielen mit unseren Kindern "Vollbeschäftigung" (ein neues Brettspiel aus Liechtenstein) und grillen auf dem Balkon. In Wahrheit testet der Mann am Baggersee Schußwaffen, suchen die Kinder gemeinsam das Weite, spricht Sabine auf dem Balkon mit den Geranien, und das Theater findet zu Hause statt. Merke: Das Denken lügt. Allein die Wirklichkeit spricht wahr.

Außerdem ist, so kurz vor der Jahrtausendwende, die Zeit zum Nachdenken knapp geworden. Nirgendwo hat man das klarer erkannt als in Schröder, um Schröder und um Schröder herum, und deshalb halten sich die Männer seiner Zukunft auch nicht mit Halbheiten auf. Stollmann zum Beispiel, einer, der "nicht lange rummacht" (so Schröder), oder Michael Naumann, der eine Woche Deutschland so gründlich nutzte, daß nun, wo er wieder weg ist, bereits eine schmerzhafte Lücke entstanden ist und eine tiefe Sehnsucht nach dem Prinzip Ratz-Fatz.

Bisher, schrieb die Frankfurter "Zeitung für Deutschland", herrschte das "System Kohl, ein undurchschaubares System von Männerfreundschaften, Belohnungspyramide und ein Kalfat von Hilfsarbeitern". Eine präzise Analyse, wie sie nur von ganz außen kommen kann. Was aber wird sein? Ein sadistisches Matriarchat? Und wo werden die Hilfsarbeiter bleiben? Die einen gehen nach Berlin. Die anderen kommen nach Wolfsburg. Zu Sabine auf den Balkon. Geranien schießen.