Abgequält habe er sich ein Büchlein, das "sieben Argumente für einen nachhaltigen Macht- und Politikwechsel" enthalte und damit die Frage beantworte: "Warum SPD?" So seufzte kürzlich Oskar Negt im Willy-Brandt-Haus in Berlin, das Publikum lachte verständnisvoll. Das Büchlein liegt jetzt vor, erschienen im Steidl-Verlag, und man versteht nach Lektüre den Seufzer nun besser.

Gerhard Schröder, der Kandidat, und Negt, der Soziologe: das ist eine unübliche Freundschaft. Es steckt eine kleine Geschichte darin. Negt ist sozusagen ein intellektuelles Überbleibsel aus den Zeiten des frühen Schröder, einer, der unverändert zum Kandidaten hält und das Kunststück fertigbringt, sich dabei nicht zu verbiegen. Und Schröder dankt es ihm so: Auf Kritik von Intellektuellen an ihm angesprochen, erwiderte er jüngst, wirklich stutzig werde es ihn erst machen, wenn sein alter Freund Oskar in diesen Chor einstimme. Gemeint war sein wahrer Oskar, der aus Hannover.

Negt, ein Linker, ein Sozialist, wie er ohne Zögern sagen würde, stellt eine seltene Mischung aus Theorie und Praxis dar. Seine "sieben Argumente" lassen sich vielleicht am ehesten vergleichen mit der Einmischung Pierre Bourdieus, des Pariser Soziologen, in die französische Politik, der im Augenblick in einer kleinen Essay-Reihe (Contre-Feux) gemeinsam mit Freunden eine Linke jenseits der Sozialisten neu zu gründen versucht. Aber weder in seiner polemischen Aggressivität noch in der Abgrenzung von der Welt der herrschenden Politik geht Negt so weit wie Bourdieu. Nein, er bleibt Schröder treu - oder irgendwie auch der SPD.

Die Frage, die sich nach seinem kleinen Plädoyer für die Wiedergewinnung des Politischen, für einen anderen Arbeitsbegriff, eine neue Bildungspolitik oder für Europas kulturellen Raum aufdrängt, weshalb ausgerechnet diese Partei mit diesen Führungsfiguren das alles umsetzen könne, beantwortet er selbst am besten. Mit Georg Christoph Lichtenberg nämlich: "Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden kann, wenn es anders wird

aber soviel kann ich sagen: Es muß anders werden, wenn es gut werden soll."

Wenn man es richtig versteht, ist das eben nicht nur ein Appell an die SPD, so naiv ist Oskar Negt nicht, sondern vor allem ein Appell an seinesgleichen, die Ökonomie nicht nur den Fachleuten und die Politik nicht allein der SPD zu überlassen. In aller Freundschaft.