Egoismus grassiert, aber es gibt Hoffnung. Sie wird getragen von der Idee des gemeinnützigen Stiftens, die zwar auf einer alten deutschen Tradition fußt, im Zeichen des Wohlfahrts- und Regelungsstaates aber unterentwickelt blieb. Jetzt gewinnt sie aus zweifachem Grund neue Bedeutung. Nicht nur zeichnen sich mangels finanzieller Masse die Grenzen staatlicher Gestaltungskraft ab, was zum Verlangen nach verstärkter Privatinitiative führt - nun macht die heranrollende Welle von Hinterlassenschaften der ebenso fleißigen wie wohlhabenden Nachkriegsgeneration solches Engagement auch möglich.

Das Stiftungswesen erlebt einen Aufschwung. Seit 1992 kommt es in der Bundesrepublik jährlich zu über zweihundert Neugründungen. Rund 7800 Stiftungen haben sich inzwischen gemeinnützigen Zwecken verpflichtet. Die vielbeschworene Bürgergesellschaft, sie gewinnt in diesen Institutionen Kontur.

Mit ihrer einzigartigen Kombination von Vorzügen - Unabhängigkeit und Altruismus - müßte den Stiftungen hierzulande Wohlwollen garantiert sein.

Aber selbstverständlich ist es nicht. Nur langsam tritt die Stiftungskultur aus den Schatten heraus, die die zahlreichen Katastrophen dieses Jahrhunderts in Deutschland geworfen haben Bundespräsident Roman Herzog hat diesen Zusammenhang eindrücklich beschrieben: "Zwei Weltkriege, zwei Diktaturen, eine große Inflation, eine verheerende Deflation und eine Währungsreform entzogen dem aktiven Bürgersinn nacheinander den gesellschaftlichen Boden und dem Stiftungswesen die finanzielle Masse."

Amerika, oft als Modell für die Moderne gerühmt, hat es auch in diesem Falle besser. Stiftungen sind wichtige Stützen der amerikanischen Gesellschaft, und sie stehen ganz oben in der Rangliste des öffentlichen Respekts. Wegen deutlich geringer ausgeprägter staatlicher Fürsorge kommt den foundations allerdings eine andere Bedeutung zu, als sie in den europäischen Wohlfahrtsstaaten besitzen: Die 40 000 Stiftungen mit einem Gesamtvermögen von 268 Milliarden Dollar sind ein Einfluß- und Machtfaktor, wie ihn das deutsche Stiftungswesen nur erträumen kann.

Immerhin, in Deutschland wurde schon gestiftet, als Amerika noch weit hinter dem Horizont europäischer Phantasie lag. Die ältesten deutschen Stiftungen gehen bis auf das 9. Jahrhundert zurück (ein deutlicher Beweis für die Nachhaltigkeit von Stiftungsvermögen) bis zum 16. Jahrhundert war ihre Zahl bereits auf dreihundert angewachsen. Hospitäler, aber auch Bildung, Erziehung und Religion waren die Objekte dieser frühen Gemeinnützigkeit meistens bewog die pia causa, der Wunsch, gottgefällig zu sein und das Fegefeuer zu verkürzen, die Stifter zur Großzügigkeit. Unternehmer wie die Fugger und hanseatische Kaufleute schrieben wichtige Kapitel in der deutschen Geschichte des Stiftens. Sie könnte jetzt neuer Blüte gelangen. Anlaß zu hochgesteckten Erwartungen bieten nämlich jene oft erwähnten zwei Billionen Mark, die in den nächsten Jahren zum Erbe anstehen.

Inwieweit die Summe realistisch geschätzt ist und in welchem Zeitraum sie die Hände wechseln wird, läßt sich nicht auf Mark und Jahr genau feststellen.