Tönende Ursuppe, so der erste Eindruck. Der klingende Kosmos, wie ihn die Pythagoräer und seither manche Esoteriker verhießen? Eher ein Dissonanzenquartett, weit entfernt von jener proportionierten Harmonie, derentwegen Musiker die Baumeister der Renaissance beraten sollten. Statt dessen eine fröhliche Kakophonie, in der Pop, Rock, Batterieschläge und das wieder modische Blech sich mischen. Ein Chaos, in dem vieles möglich scheint, manches entfesselt tönt, bis einem Hören und Sehen vergeht. Und "Kunst zum Hören und Sehen" ist ja auch die Ausstellung "Crossings" untertitelt, die Cathrin Pichler in der Kunsthalle Wien komponiert hat, unterstützt von Edek Bartz für das obligate Performance- und Konzertprogramm: insgesamt die anregendste Sommer-Frische, die man sich vorstellen kann.

Es geht um die heutige Durchdringung von Kunst und Musik, mit einer langen Vorgeschichte aus Laut-Malereien, Synästhesien, Optophonen und anderen Farb-Ton-Apparaten, die hier auf John Cage und die Fluxuskünstler als lebendige Ahnengalerie verkürzt wird. Lustvoll betrieben sie die Ausweitung der Klangwelt, die Abschaffung von Hierarchien, die Autonomie aller Töne.

Propagiert wurden exzentrische Klänge, um Straßenlärm und technische Geräusche angereichert, dazu ein offener, vom Zufall mitbestimmter Ablauf und die Niederlegung der Gattungsgrenzen, vor allem seitens der bildenden Künstler, die in der frei flutenden, teilweise improvisierten und körperbetonten Musik jene Nähe zum Publikum, jenes Aufgehen in einem schwingenden Ganzen wiederzufinden glauben, das ihnen durch Stilhetze und zunehmende Zerebralität abhanden gekommen schien.

Allerdings ist dies kein isoliertes Phänomen. Ballette etwa arbeiten heute gern mit Musikern auf der Bühne, die direkt in den Bewegungsfluß eingreifen.

Diagonal durchschneidet in "Eidos-Telos" von William Forsythe ein bei Berührungen als Generalbaß summendes Drahtseil den Raum. Wenn sich die Tanzfiguren um einen Wandergeiger organisieren, wenn drei Posaunisten ihre Urlaute in die Ballettphalanx schmettern, ergeben sich Klang-Bilder von allsinniger Dynamik.

Diese strebt auch "Crossings" an, mit den gebündelten Mitteln von Elektronik und Projektion, die den heute selbstverständlichen Umgang mit der Technik als einem die Kunst vorantreibenden Medium eigener Art erlaubt. Als rhythmisches Signal trommeln die sechzehn computergesteuerten Schlegel auf der großen "Drum" Stephan von Huenes eine Ära neuer sensorischer Dimensionen ein. Manche erschließen sie still: Max Neuhaus, der Zeichnungen für Klangräume vorlegt, Yoko Ono, die anregt, dem Wind, der Erde, den Schneeflocken zu lauschen.

Alvin Lucier hängt Hör-Bilder in ein Kabinett, zehn gerahmte Japanpapiere mit Kleinlautsprechern im Zentrum, denen beim näheren Hinsehen, Hinhören sanfte Töne entquellen. Optische Wellenglissandi sieht man in einem abgedunkelten Raum, wo Carl Michael von Hausswolff vergrößert das Oszillogramm eines von ihm komponierten Concerto grosso an die Wand werfen läßt. Die Sinne der Besucher werden abwechselnd bedient. Henrik Håkansson etwa reproduziert die Geräusche einer Tettigonia viridissima oder Riesenheuschrecke als "Love over All". Humor ist spürbar, wenn man - o Jacques Tati - auf dem glucksenden Sofa der Angela Bulloch Platz nimmt oder sich von der poetischen Musikmaschine des Paul Panhuysen bezaubern läßt.