Ausgerechnet der versnobte Rolls-Royce-Enthusiastenclub im englischen Paulersbury hatte zur Wochenmitte die realistischste Einschätzung. "Die Dinge ändern sich sehr schnell in dieser Welt", seufzte Vorstand Philip Hall. "Bei allem Respekt, wir können uns nicht auf das verlassen, was diese Firmen heute für die Zukunft voraussagen. Das können die ja selber gar nicht wissen."

In der Tat, als am Dienstag die deutschen Automobilhersteller in das Rennen am internationalen Markt für spritfressende Luxuslimousinen starteten, waren Konkurrenz und Marktbeobachter wieder einmal überrascht: Diese Formation hatte keiner erwartet. Auf der Nummer eins geht ganz überraschend BMW an den Start - mit Rolls-Royce, den königlichen Nobelkarossen aus England.

Die Münchner hatten zwar erst vor drei Wochen ein dramatisches Wettrennen gegen VW um den Kauf von Rolls-Royce verloren, doch am Ende ging es offenbar so aus wie in der Geschichte von dem Hasen und dem Igel. VW legte sich mächtig ins Zeug, zahlte 479 Millionen Pfund - und merkte am Ende, daß es gar nicht die Markenrechte an Rolls-Royce kaufen konnte. (Sie liegen seit einer obskuren Abmachung aus dem Jahr 1973 bei der Flugzeugmotorenfirma Rolls-Royce plc.) Und da der Wolfsburger Konzern auch nur unter Schwierigkeiten die Motoren und andere Komponenten zusammenbekam - einen Großteil liefert gerade BMW -, erhält der Rivale aus München jetzt doch die Markenrechte, und zwar zu einem Spottpreis: Die Flugzeugmotorenbauer erhalten schlappe 120 Millionen Mark und Einfluß auf die Geschäfte der künftigen Rolls-Royce-Motor-Cars.

Die Nummer zwei am Start ist VW-Chef Ferdinand Piëch mit seinen übriggebliebenen Bentley-Fahrzeugen, der anderen Marke von Rolls-Royce. "Ein guter Kauf", sagte er bei der Bekanntgabe in London und blickte etwas gequält drein. Piëch kann jetzt wie angestrebt bald "alles liefern", vom Kleinwagen bis zum Luxusfahrzeug. Doch sein Zähneknirschen ist kaum zu überhören. Wenn er dies vorausgesehen hätte, "hätte VW sehr viel weniger an Vickers bezahlt", gab Piëch zu BMW-Chef Bernd Pischetsrieder saß fröhlich daneben.

Es klang fast so, als könne Piëch den Münchnern sogar dankbar sein. "Weder die noch wir konnten einen Rolls-Royce herstellen", gab er zu - denn er saß auf seiner frisch erworbenen Fabrik, der Kühlerfigur "Spirit of Ecstacy" und den Bauplänen für den wuchtigen Kühlergrill - aber die Rolls-Royce plc hatte die Markenrechte. Zur Ehrenrettung haben die Münchner ihm eine Übergangsfrist eingeräumt: bis zum Jahresende 2002 baut VW (in Lizenz von BMW) die Rolls-Royce-Fahrzeuge, BMW liefert die Motoren. Danach baut VW nur noch Bentleys, und die Rolls-Royce-Fahrzeuge sollen zumindest teilweise in einer neuen, BMW-eigenen Fabrik gebaut werden. Übrigens auch genug Zeit für BMW, ein paar Fachkräfte aus der hochspezialisierten Rolls-Royce-Fertigung in Crewe abzuwerben.

Die lachende Nummer drei ist der Daimler-Benz-Chef Jürgen Schrempp, der publikumswirksam ebenfalls am Dienstag die schwäbische Antwort auf die deutsch-britischen Konkurrenten gab. Daimler baut jetzt den Mercedes-"Maybach" zum Preis ab 500 000 Mark, mit angeblich mehr Komfort auf dem Rücksitz als im heimischen Wohnzimmer. Die geplante Stückzahl: 1000 bis 2000 Fahrzeuge jährlich.

Harte Kämpfe um Marktanteile sind zu erwarten: Das Verkaufspotential für Luxuslimousinen wird von Branchenkennern nur auf wenige tausend in der ganzen Welt geschätzt. Doch ob am Ende alle Bewerber ihre geplanten jährlichen Stückzahlen erreichen, ist ohnehin zweitrangig. Wichtiger ist das Image der Nobelmarken, das auf den Rest der Produktpalette abfärben soll. Wichtig ist auch, wie man gesehen hat, das Ego der Chefs. "Für die Ertragslage der Unternehmen spielt das Luxussegment, isoliert betrachtet, überhaupt keine Rolle", resümiert Autoexperte Markus Plümer von der WestLB Research in Düsseldorf.