Gut zu wissen: So geht es nicht. Eine Tänzerin und Choreographin wie Pina Bausch hat so sehr ihren eigenen Kopf als Künstlerin, daß jeder noch so gutgemeinte Versuch, ihn durch einen anderen zu ersetzen - und sei es das Haupt des Komponisten und genialen Dirigenten Pierre Boulez - schiefgehen muß.

Der P.B. und die P.B. haben sich zusammengetan, um gemeinsam im Innenhof des Erzbischöflichen Palastes bei den Festspielen von Aix-en-Provence "Herzog Blaubarts Burg" aufzuführen. Ein Abend der Superlative: Béla Bartóks einzige Oper, ein provozierend handlungsloses Zweipersonenstück (Baß, Mezzosopran) aus dem Jahr 1911, dessen Uraufführung frühestens nach den Verheerungen des Ersten Weltkriegs gewagt werden konnte Pina Bauschs erste "richtige" Operninszenierung - zwar mit Tänzern, aber keine Tanzoper, die Sänger nicht im Orchestergraben oder in einer Loge, sondern mit den neun Künstlern des Tanztheaters Wuppertal, auch in Aktion, auf der Bühne und die letzte Operninszenie rung, die Pierre Boulez dirigieren will, um sich nun, im achten Jahrzehnt des Lebens, ganz dem Komponieren und gelegentlichen Auftritten als Konzert-Dirigent zu widmen.

Das Werk aus Musik und Vision - gestern Der da auf die Bühne kommt, im weißen Hemd so ungeniert burschikos wie die Künstlerinnen und Künstler des Gustav Mahler-Jugendorchesters, dem er bis in leiseste Töne einen Reichtum an Farben und Abschattierungen des Klangs abverlangt, als hätte ein Zauberer des Kolorits wie Debussy an Bartóks strenger Partitur mitgewirkt, wollte für den letzten Auftritt am Opernpult die Wuppertaler Choreographin als Regisseurin.

Und Boulez weiß, was er ihr schuldig ist: Als die schmale, wie immer ganz schwarz gekleidete Pina Bausch auf die Bühne kommt - und sich der Beifallsorkan in einen Sturm aus Buh-Rufen verwandelt - stürzt der Dirigent ihr entgegen, geleitet sie fürsorglich-galant an die Rampe, schützt die einen Kopf größere Frau, die dabei ist, zu der mitternächtlichen Stunde in ihr 58.

Lebensjahr zu treten, mit Gesten der Verehrung, der Zuneigung vor der Wut des Festival-Publikums.

Auch das ein unvergeßlicher Augenblick dieses Abends unter dem Sternenhimmel der Provence, der Pina Bausch lehrt, daß sie dann doch am besten ist, wenn sie noch so verlockenden Angeboten widersteht und nur sich selber vertraut, der überwältigenden Kraft ihrer Begabung als eine der Tanzmeisterinnen des Jahrhunderts.

Groß, noch größer wurden Pina Bauschs Augen, als sie vor einem Jahr diese Fragen hörte: Zum ersten Mal in ihrem fünfundzwanzigjährigen Leben als Choreographin arbeitete die Gründerin und Leiterin des Wuppertaler Tanzensembles damals mit einer fremden Truppe. Mit dem Ballett der Pariser Oper studierte sie Strawinskys Tanzdrama "Sacre du Printemps" (1913) ein (ZEIT Nr. 24/1997). Hat sich in den zweiundzwanzig Jahren seit der Premiere 1975 in Wuppertal etwas geändert an ihrer Vision eines Balletts vom Frauen-Opfer? Bringt die Zusammenarbeit mit jüngeren Tänzerinnen ein neues Bild für das, was Jean Cocteau nach dem Skandal der Uraufführung in Paris am 29. Mai 1913 noch atemlos als "das umwerfendste Theaterschauspiel, dessen ich mich erinnern kann", gepriesen hat?