Endlosschleife

Manchmal liegen sie wie umgekippte Leuchtkäfer auf der nachtschwarzen Bühne, Arme und Beine gekrümmt oder hochgereckt, hilflose, einsame Krabbler irgendwo zwischen dem leeren Himmel und dem brüchigen Untergrund, der Erde ausgeliefert und doch seltsam schwerelos wie in Sternenräumen.

Dann wieder richten sie sich auf zu voller Menschengröße, gruppieren sich vor Lichtgittern oder flammenden Horizonten zu aparten, wunderschön illuminierten Tableaus, heben Arme, Hände und Finger in graziöser, gezirkelter Bewegung, stolzieren und posieren wie vor imaginären Spiegeln, Schau-Spieler allesamt, Zeremonienmeister, Artisten der Revolution.

Robert Wilsons Bildertheater ist auf seiner Reise um die Welt nun auch im Schauspiel der Salzburger Festspiele angekommen, das in diesem Sommer, quantitativ und dramaturgisch angereichert, erstmals (und letztmals) von Ivan Nagel verantwortet wird. Und selbstverständlich wußte man auch schon vor der Premiere von "Dantons Tod", einer Koproduktion mit dem Berliner Ensemble: Wie überall, wo der große Multimedia-Meister auf seiner nimmermüden Tour durch Kontinente und Festivals inszeniert, würden Münder offenstehen - bei den einen vor Staunen, bei den anderen vom Gähnen. Denn längst hat sich nicht nur das Wilson-Theater selbst ritualisiert, sondern auch die Rezeption, die Kritik des Wilson-Theaters. Beim Enthusiasten löst es (noch immer) Faszination aus, beim Connaisseur zunehmend Déjà-vu-Verdruß.

Gerade diesmal, schien es, waren die Einwände schon im vorhinein leicht zu formulieren, die Verluste absehbar, die Büchners grelles, kaltwütiges Drama in der Konfrontation mit Wilsons virtuosem Manierismus erleiden würde. Wie sollte dem verzweiflungsvollen Geschichtspessimismus des Stücks mit einer Ästhetik der Lichtstimmungen und Zeitlupenabläufe, mit dieser durch und durch formalisierten Choreographie der Klänge, Farben und Gesten beizukommen sein?

Müßte Büchners dramatischer Katarakt in Wilsons schönheitstrunkenem Design-Perfektionismus nicht vereisen?

In Salzburg hat sich gezeigt: Das Theater des Robert Wilson ist doch nicht nur abrufbare Routine, kann doch noch überraschen. Unübersehbar zwar, daß der texanische Regisseur sich nicht für den ganzen Büchner interessiert

daß er nur eines von vielen wichtigen "Danton"-Stücken inszeniert

Endlosschleife

daß er für die historisch-politischen Spannungsfelder des "Danton" keinen Sensus besitzt.

Doch ein fundamentaler Aspekt des Büchnerschen Dramas wird in Wilsons Verkünstlichungs- und Verfremdungsperspektive scharf und exemplarisch herausgeleuchtet: das Puppige, Marionettenhafte, Theatralische der Geschichtstäter. Historie als lächerliches Wiederholungsspiel, die Revolution als Endlosschleife einstudierter Selbstinszenierungen. In Wilsons strengen Stilisierungen bekommen auch Büchners bekannte, allzu bekannte Sätze von der Fatalität der Geschichte plötzlich einen neuen, unerhörten Klang - das holt sie zurück aus der falschen Vertrautheit der Zitaten-Anthologien. So präzis, so plastisch sich die Figuren in Frida Parmeggianis kostbar leuchtenden Kostümen gegen die Bühnenfinsternis abheben - es haftet ihnen zugleich etwas ganz und gar Unwirkliches, Popanzhaftes an. Geschichte: ein Reich der Schatten.

Wilson glücken Bilder, die nicht nur in gewohnter Manier luxurieren: die sich einprägen. Martin Wuttke als fallsüchtiger Danton, die Bühne in der Diagonalen panisch durchzappelnd, während in der Ferne Edith Clevers Marion stumm ihre weiße Riesenschleppe durchs Abendsonnenrot zieht - unüberbrückbare Einsamkeiten. Noch einmal Wuttke: wie er sich in der großen Rede ans Publikum mit überschnappender Stimme zum Demagogen aufplustert, ein losgelassener Rhetoriker, der offenen Mauls nach Vokalen ringt. Wolfgang Maria Bauer, der Saint-Justs Fanatismus in hysterische Hüpfer explodieren läßt.

Und schön, daß in Wilsons Welt der hochartifiziellen Schemen, in dieser bis ins Fingerkuppenzucken ausgetüftelten Regiepartitur doch einer Figur die Kraft der reinen Naivität, eine ganz unverstellte Direktheit zugestanden wird: Annette Paulmann spielt Camilles Gattin Lucile ganz nah ans Gefühl heran

ihr gellender Schrei in die Totenstille des Schlußbilds hinein sprengt jäh alle gläsernen Distanzen der Aufführung weg: "Wir müssen's wohl leiden ..."