daß er für die historisch-politischen Spannungsfelder des "Danton" keinen Sensus besitzt.

Doch ein fundamentaler Aspekt des Büchnerschen Dramas wird in Wilsons Verkünstlichungs- und Verfremdungsperspektive scharf und exemplarisch herausgeleuchtet: das Puppige, Marionettenhafte, Theatralische der Geschichtstäter. Historie als lächerliches Wiederholungsspiel, die Revolution als Endlosschleife einstudierter Selbstinszenierungen. In Wilsons strengen Stilisierungen bekommen auch Büchners bekannte, allzu bekannte Sätze von der Fatalität der Geschichte plötzlich einen neuen, unerhörten Klang - das holt sie zurück aus der falschen Vertrautheit der Zitaten-Anthologien. So präzis, so plastisch sich die Figuren in Frida Parmeggianis kostbar leuchtenden Kostümen gegen die Bühnenfinsternis abheben - es haftet ihnen zugleich etwas ganz und gar Unwirkliches, Popanzhaftes an. Geschichte: ein Reich der Schatten.

Wilson glücken Bilder, die nicht nur in gewohnter Manier luxurieren: die sich einprägen. Martin Wuttke als fallsüchtiger Danton, die Bühne in der Diagonalen panisch durchzappelnd, während in der Ferne Edith Clevers Marion stumm ihre weiße Riesenschleppe durchs Abendsonnenrot zieht - unüberbrückbare Einsamkeiten. Noch einmal Wuttke: wie er sich in der großen Rede ans Publikum mit überschnappender Stimme zum Demagogen aufplustert, ein losgelassener Rhetoriker, der offenen Mauls nach Vokalen ringt. Wolfgang Maria Bauer, der Saint-Justs Fanatismus in hysterische Hüpfer explodieren läßt.

Und schön, daß in Wilsons Welt der hochartifiziellen Schemen, in dieser bis ins Fingerkuppenzucken ausgetüftelten Regiepartitur doch einer Figur die Kraft der reinen Naivität, eine ganz unverstellte Direktheit zugestanden wird: Annette Paulmann spielt Camilles Gattin Lucile ganz nah ans Gefühl heran

ihr gellender Schrei in die Totenstille des Schlußbilds hinein sprengt jäh alle gläsernen Distanzen der Aufführung weg: "Wir müssen's wohl leiden ..."