Wahlkampf ist eine schöne Zeit. Die einen hoffen auf Aufträge, die anderen auf Stimmen. Die einen fragen Meinungen ab, die anderen passen sich ihnen an. Oft genug hantieren beide, Politiker und Demoskopen, mit konventionellen Fragen oder Vorschlägen - und wundern sich dann über das Volk, diesen dumpfen Gesellen, mit dem sich der Reformstau nicht überwinden läßt. Brauchen wir ein anderes Volk?

Die Polis-Studie bedient nicht dieses Klischee. Gewiß, auch hier lautet die Botschaft: Die Deutschen wollen keine Veränderungen. Vor allem der Sozialstaat soll so bleiben, wie er ist, und "beim Geld hört für die meisten der Spaß auf". Eine Absolution für die Politik, Regierung wie Opposition? Ein Freispruch im Namen des Volkes, das sich eben am Status quo festkrallt? Man kann die Polis-Studie auch ganz anders lesen: Wenn man den Leuten nur lange genug eine "Standortkrise" eingeredet hat, werden sie auf die Fragen nach deren Ursache eben die üblichen Verdächtigen nennen.

Weniger arbeiten, weniger verdienen - das sei, sagt die Studie, für die meisten keine Perspektive. Wie auch, wenn man sich nicht darauf verlassen kann, daß anderswo neue Arbeitsplätze entstehen und Teilzeit ökonomisch und sozial attraktiver wird? Es ist diese Kultur der Angst, des Ressentiments und des Verdachts, die Kosten für den Wandel bei sich selber und dessen Vorteile bei anderen zu finden, die das Land bewegungsunfähig macht. Dafür liefert die Polis-Studie viele Hinweise. Jeder sieht die Ursache für Fehlentwicklungen immer bei den anderen, und es sollen immer die anderen die Kosten des Strukturwandels tragen.

Es ist offensichtlich, daß hier die Politik eine ihrer ureigenen Aufgaben nicht erfüllt - nämlich ein stabiles Vertrauen zu schaffen, daß alle Akteure, wenn sie sich auf Veränderungen einlassen, sich aufeinander und die Politik verlassen können. Dazu bedarf es einer aktiven Rolle des Staates und, wie die Studie zu Recht anmahnt, neuer Ideen und Vorschläge. Gegenwärtig laufen die beiden großen Parteien den Entwicklungen eher hinterher - hüten sich vor riskanten Ideen wie die deutschen Fußballer bei der Weltmeisterschaft.

Ein Alibi für die Politik liefert die Studie dennoch nicht. Die CDU/CSU, sagen die Demoskopen, habe den Spagat zwischen ihrem christlich-moralischen Anspruch und einer neoliberalen Rhetorik nicht geschafft. Die SPD sei jetzt näher dran an der politischen Stimmung der Zeit, aber sie hat, so muß man hinzufügen, den Spagat zwischen sozialen "Errungenschaften" und ökonomischen Notwendigkeiten erst noch vor sich.