Die Diplomaten treten den Sommerurlaub an, die Karawane der Flüchtlinge zieht weiter. Sie wächst täglich mit den Todesstreifen, die das Kosovo immer weiter durchschneiden. Die serbischen Einheiten haben jetzt mit mörderischer Feuerkraft die Hochburgen der UÇK überrannt - und die Positionen der Nato gleich dazu.

Großspurig hatten die UÇK-Führer noch vor kurzem verkündet, den Kampf in die Städte zu tragen - und dann unerfahrene Freiwillige und verzweifelte Zivilisten der serbischen Gegenoffensive ausgesetzt. Großspurig hatten die Außen- und Verteidigungsminister der Nato-Staaten noch vor wenigen Wochen Belgrad gedroht, jede weitere Eskalation mit militärischen Schlägen zu bestrafen - und damit die UÇK zum Nachlegen ermuntert. Jetzt brennt das Kosovo. Und Europa schaut zu.

Es ist nicht die allgemeine Hilflosigkeit, die empört. Es ist die verfehlte Selbstdarstellung von UÇK und Nato, die eine von vornherein nahezu aussichtslose Sache verschlimmert hat. Für das Kosovo konnte niemand eine Patentlösung haben. Wie Rom nicht an einem Tag erbaut wurde, sind die Trümmer zerfallener Vielvölkerreiche nicht einmal in Jahrzehnten zu beseitigen. Auf dem Balkan vermischen sich die zersplitterten Hinterlassenschaften zweier Imperien mit den neuen Widersprüchen zwischen internationalen Beziehungen und Menschenrechten, Souveränität und individueller wie kollektiver Selbstbestimmung. Nicht die fast ausweglose Situation im Kosovo hat den Westen um seinen Kredit gebracht, sondern die Art, wie er sie zu überspielen suchte.

Was hatten die Minister noch bis Anfang Juni für Geschütze aufgefahren bis hin zu angedrohten Luftangriffen auf Serbien. Das UN-Mandat für eine Intervention sei wünschenswert, aber im Falle einer russischen Weigerung nicht unerläßlich. Nach den großen Worten machten sich die Politiker und Nato-Planer kundig, um kleinlaut zu bekennen: "Alle Szenarien, die wir durchgespielt haben, bergen unkalkulierbare Risiken." Die derzeitige Dimension des Konflikts, so winkten die Amerikaner ab, rechtfertige kein Eingreifen. Das Kosovo sei untrennbarer Bestandteil Jugoslawiens, so klammerten sich die Europäer an eine Zeit, die durch die serbischen Massaker schon abgelaufen ist. Erst ließ der Westen die Stoppuhr laufen - dann hielt er sie mitten im Rennen an. Für Klaus Kinkel blieb es Woche für Woche "fünf vor zwölf".

Unglückseliger konnte man Slobodan Milosevic nicht signalisieren, daß er das Kosovo auf Sparflamme abkochen kann. Er hat sich daran gehalten, hat keine großen Offensiven gestartet, keine Massenmorde wie in Srebrenica gestattet, keine endlosen Flüchtlingsströme hinausgelassen.

Gegen eine Intervention in Jugoslawien ohne UN-Mandat gab es von Anfang an schwerwiegende Einwände der Völkerrechtler. Doch warum hat die Nato sie nicht gleich berücksichtigt und der Welt klaren Wein eingeschenkt - statt zunächst eine Intervention anzudrohen und dann durch hektische Unsicherheit weiter an Glaubwürdigkeit zu verlieren? Die jetzigen serbischen Siege werden dem Westen nicht aus der Verlegenheit helfen. Das Kosovo wird weiter brennen. Der unterdrückten Bevölkerung bleibt die demographische Waffe. Mit ihr werden sich die Albaner auf Dauer doch ein internationales Protektorat erkämpfen.