Fürwahr eine aparte Liaison: Ein überzeugter Pazifist und Ökologe schreibt ein fast 400 Seiten dickes Buch über Daimler-Chef Jürgen E.

Schrempp. Die pikante Konstellation zwischen dem Rüstungsgegner Jürgen Grässlin, der als engagierter Opponent ("Am Stern von Daimler-Benz klebt das Blut von vielen Toten!") bei Daimler-Hauptversammlungen bestens bekannt ist, und dem Chef des führenden Anbieters von Militärtechnik hat dem Buch denn auch schon vor seinem Erscheinen die erhoffte Publizität beschert.

Wie schafft so ein Mann das scheinbar Unmögliche, weder von seinen Gesinnungsgenossen noch am Hofe des "machtbewußten Rambo unter Deutschlands Managern" (Klappentext) in Stücke gerissen zu werden? Nun, Grässlin hat einigermaßen Kurs gehalten. Zwar geißelt der Bundestagskandidat der Grünen Schrempps Politik der Globalisierung, "die rein profitorientiert ist und soziale und ökologische Belange weit hintanstellt". Aber er erliegt der Faszination dieses "Machtmenschen", der "permanent seine Grenzen ausloten muß, privat wie beruflich". Die laut Verlagswerbung "verblüffend neuen Seiten" des "Herrn der Sterne" (so der Untertitel) erschließen sich dem Leser jedoch nicht. Vielmehr sieht er den Lenker des größten deutschen Industriekonzerns so bestätigt, wie er ihn aus zahllosen Veröffentlichungen kennt: als einen vor Ehrgeiz vibrierenden Dynamiker, der "Widerspruch liebt, solange man ihm am Ende doch recht gibt".

Schrempp, von seinen PR-Strategen gut beraten, ließ sich auf die Erkundungsfahrt des Realschullehrers Grässlin ein - mit gezogener Handbremse: Mehr als fünf Gespräche waren nicht drin

geschäftliche Unterlagen blieben tabu

wörtliche Zitate durchliefen die Zensur. Wichtige Zeitzeugen wie Ziehvater und Amtsvorgänger Edzard Reuter und der von Schrempp geschickt ausmanövrierte Auto-Chef Helmut Werner verweigerten sich. Die Bereitschaft naher Mitarbeiter, etwas Grau in Grässlins Portraitfarben beizumischen, hielt sich in Grenzen. Wer riskiert schon berufliche Nachteile, wenn sein höchster Boß solche Missetaten nicht ungestraft durchgehen läßt?

Zitate aus vertraulichen Aufsichtsratsprotokollen können nicht verdecken, daß Grässlin dem "Objekt seiner Begierde" nicht ganz so nahegekommen ist, wie er sich vielleicht erhofft haben mag. Gerne würde man erfahren, wie Schrempp große strategische Entscheidungen vorbereitet, wie er den Konzern in der Praxis führt und wie Daimlers Machtstrukturen funktionieren. "Gottgleich ist Jürgen E. Schrempp nicht", schränkt der Autor zwar ein, aber in seiner Schwarzweißmalerei - hier der Versager Reuter, dort der "mit Bravour" aufräumende "Radikalsanierer" Schrempp - begibt sich Grässlin gefährlich nah in den Bereich der Mythen. Die erfolgreiche Umstrukturierung der Automobilsparte unter dem Mercedes-Vorstand um Helmut Werner hatte zum Glück längst begonnen, als Schrempp vor drei Jahren das Zepter übernahm. Ins Reich der Legende gehört auch, daß der Nachfolger den "Sakralbau" des Reuterschen Technologiekonzerns "bis auf das Fundament abgetragen" und an dessen Stelle den "Profittempel eines Mobilitäts- und Dienstleistungskonzerns" errichtet habe. Aller Semantik zum Trotz hat sich - sieht man vor allem von der Liquidation der AEG ab - nicht allzu viel verändert. Bislang jedenfalls nicht.