die zeit: Herr Minister, Deutsche und Polen sind Nachbarn seit tausend Jahren. Es war eine unruhige Nachbarschaft. Es hat gute Zeiten gegeben, aber auch leidvolle Zeiten - leidvoll vor allem für die Polen. Glauben Sie, daß die Aussöhnung, die Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre begonnen hat, ebenso gelingt wie die deutsch-französische Aussöhnung?

BronisIaw Geremek: Nachbarschaftsbeziehungen sind immer von der Geschichte und von Konflikten belastet. Im Falle Deutschlands und Polens ist diese Wahrheit von besonderer Bedeutung. Es ist mir bewußt, daß im Verhältnis der beiden Nachbarn im Jahre 1989 und danach eine Wende eingetreten ist.

Sie begann allerdings nicht erst 1989 mit dem Fall der Berliner Mauer und mit dem politischen Umbruch in Polen. Man darf die großen Momente der Geschichte nicht vergessen, die mit der Ostpolitik verbunden waren. Einer davon war der Moment, in dem Willy Brandt in Warschau vor dem Ghetto-Denkmal niederkniete.

Ein anderer war der Augenblick, in dem Bundespräsident Herzog bei den Gedenkfeierlichkeiten zum Jahrestag des Warschauer Aufstandes das menschliche Wort "Entschuldigung" aussprach.

Ich werde persönlich auch nie vergessen, wie ich im Juni 1989 zwei Stunden lang bei Helmut Kohl saß, der mir erklärte, er werde Konrad Adenauers Vermächtnis erfüllen. Die deutsch-französische Versöhnung sei gelungen, das Verhältnis zu Israel und den Juden sei auf einem guten Weg, nun werde er sich der Versöhnung mit Polen widmen.

Der Umbruch von 1989 im deutsch-polnischen Verhältnis ist sicherlich auch mit der Tatsache verknüpft, daß damals zugleich ein Faktor der Erpressung verschwand - die Erpressung, die in der Nichtanerkennung der deutsch-polnischen Grenze lag. Dann jedoch geschah etwas, was ich nicht vorausgesehen hatte: daß nämlich die Unterzeichnung völkerrechtlicher Abkommen zwischen Deutschland und Polen die Last der Geschichte aufhob.

zeit: Es gab 1990 den Grenzvertrag, dann 1991 den Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit. Trotz dieser Verträge, trotz aller Anstrengungen kommt es aber immer wieder zu Irritationen, auch zu Mißverständnissen. Wir haben das gerade am Beispiel der Bundestagsresolution vom 24. Mai und der Sejm-Resolution von Anfang Juli erlebt.