Eine Verlustgeschichte. Ein Mann verliert seinen Glauben, die letzten Reste davon. "Es war eine sehr deutliche Empfindung - ein Kapitulieren in den Eingeweiden, eine Handvoll dunkler funkelnder Luftbläschen, die nach oben entwichen." Clarence Arthur Wilmot, Pfarrer der Vierten Presbyterianischen Kirche in Paterson, New Jersey, hat zuviel gelesen. Darwin, Nietzsche, Ingersoll, Marx und die Aufklärer haben den Krieg in seinem Kopf gewonnen gegen Bunyan, Calvin und gegen Darwins eigene Beteuerung, daß die Naturerkenntnis und das Christentum sich wohl vertragen müßten. Darwin, Sohn eines Geistlichen, hatte es ausgehalten. Clarence, Sohn eines Farmers, kann es nicht mehr.

Die Grausamkeit des Alten Testaments, die Phraseologie von freiem Willen und Erwählung und die soziale Ignoranz der Kirche haben ihn zermürbt. Die Rechtgläubigkeit seiner Gemeindekinder schlägt ihn fraglos um Längen. "Wenn's keine Verdammnis gibt", hält ihm ein alter Hilfsarbeiter im Sterbebett entgegen, "könnte man ja gleich Atheist sein." Denn sie wollen geknechtet werden. Clarence Wilmot will es nicht mehr, und er quittiert. Stürzt seine Familie zwei Klassen tiefer, verdingt sich als freier Verkäufer von Haus zu Haus mit dem, was sein Verhängnis wurde: dem, was man wissen kann. In der Volksenzyklopädie, die er mit Mühe und beinahe erfolglos vertreibt, steht auch geschrieben, daß es mehr Andersgläubige als Christen gibt. Eine triviale Feststellung. Clarence Wilmots Urenkel wird daran sterben.

Den Weg dorthin erzählt John Updike in seinem neuen Roman "Gott und die Wilmots" - auch eine Jahrhundertgeschichte Amerikas. Was vier Generationen der Wilmots zustößt und wie ihre Welt sich verändert, entfaltet in erstaunlicher Übereinstimmung jene Themen, die auch Updikes Kollegen Philip Roth in seinem gerade erschienenen Familienroman "Amerikanisches Idyll" beschäftigen: den Zusammenbruch der Industrie und den Zerfall der Arbeiterklasse, die grausame Verödung der Städte, den metaphysischen Hunger der Menschen und ihre Sättigungsbeilagen, Terrorismus, Sekten, Prominenz und das Kino. Im Kino vergißt Clarence Wilmot sein Leid, Max Linder und Asta Nielsen erbarmen sich seiner vor einer kunstvoll gemalten Pappkulisse, ein Vorführer und ein Klavierspieler salben seine wunde Seele und sein erschöpftes Gehirn. Die demokratische Produktion glücklicher Illusionen bringt dem zum Unglück Aufgeklärten kindliche Seligkeit zurück und füllt sein umgestülptes, leeres Ich mit süßer Speise.

Aber er weiß, was er tut, und seine Kinder wissen es auch. Jared, der Immobilienmakler und Börsenspekulant, ergibt sich begeistert der abstrakten Zirkulation des Kapitals, die seinen Vater noch verstörte und erbitterte. Im Ersten Weltkrieg wurde sein rechter Arm verkrüppelt, er ist mit Europa und den Ideen fertig und mit den Frauen auch. "Geld gibt", vertraut er seinem jüngeren Bruder Ted an, "Muschi nimmt." Esther, seine begabte Schwester, hat das Lehrerinnenseminar nicht mehr besuchen können, als ihr Vater vom gutsituierten Pfarrer zum traurigen Vertreter wurde. So wird sie die Geliebte ihres Chefs und heiratet später - den nächsten Chef. Ihre nervöse, frustrierte Klugheit, Jareds offensiver Zynismus und die krähwinkelhafte Unscheinbarkeit des jüngsten Bruders Ted, der, ebenso Angst wie Weisheit folgend, das Leben eines Postboten in der Provinz von Delaware wählt: drei Formen der Ernüchterung. Die geschwisterlichen Gespräche, heimliche Zigaretten an der Schnakentür, geflüsterte Geständnisse von Sex und Liebe und den Tauschgeschäften des Lebens entfalten in beiläufiger Opulenz das Gegenteil: die unruhige Suche nach Intimität, nach einem Muster von Sinn und einer Tröstung über das Scheitern des Vaters, der im Nebenraum dem Tod entgegendämmert. Die Kinder von Clarence Wilmot vermeiden seinen Rigorismus, ihre Klugheit führt sie nach oben oder läßt sie in der Ebene der Mittelklasse bemessene, ruhige Kreise ziehen. Nur das Denken verlernen sie nicht. "Man soll keine Gesetze machen, die die Leute brechen müssen", sagt Esther zu ihrem Bruder, als sie aus einer sogenannten Flüsterkneipe kommt, wo Alkohol getrunken wird. "Sie erinnerte ihn an Dad, in der Art, wie sie das sagte.

Beide wußten Dinge, ohne sich groß darum zu bemühen, und es machte sie verletzlich, wie Tiere mit Fühlern, die zu weit vorragen."

Eine beinahe gemütliche Ästhetik, beruhigend vertraut

Updike verschränkt die Personen seines Romans mit den Ideen ihrer Zeit kunstvoll, dezent und folgerichtig zugleich. Man könnte sein Programm das einer sozialen Fügung nennen: die genaue Beschreibung des Spielraums, den Menschen haben. Clarence Wilmot war Geistlicher, stieß sich den Kopf an den Grenzen des zeitgenössischen Denkens wund und starb versehrt, aber nicht vernichtet. Sein Sohn Ted weicht allen großen Chancen aus, wählt ein kleinbürgerliches und provinzielles Dasein und eine hinkende Erbin