Auf so einen hatte man gewartet. Naumann sei der "Now man", genau der Richtige zum richtigen Zeitpunkt, schwärmte der Berliner Tagesspiegel.

Sicher, über die kulturpolitischen Positionen des designierten sozialdemokratischen Staatsministers für Kultur könne man streiten. Aber es sei doch großartig, wenn einer überhaupt einmal klare Standpunkte bezieht und dabei noch so weltläufig, gebildet und elaboriert ist, das genaue Gegenteil eines Kulturbürokraten also. Vor lauter Staunen über die Wucht, mit der sich Schröders Kulturkandidat auf die politische Bühne katapultierte, rutschten den Kommentatoren die Konsequenzen seiner inhaltlichen Aussagen erst einmal aus dem Blickfeld. Die Haltung zählt. Mit den Inhalten sehen wir dann weiter.

Ein Dezisionismus, der die rhetorische Demonstration von Entschlossenheit schon als Ausweis für Handlungsfähigkeit nimmt - Vorschein der Stimmungslage in der zukünftigen Schröder-Republik?

Der Plan, ein zentrales Holocaust-Denkmal zu errichten, solle aufgegeben und das Berliner Stadtschloß müsse wieder aufgebaut werden, lauten die spektakulären Voten des Überraschungskandidaten. Provokationen, die Schwung in die verkarsteten Diskussionsstrukturen der Republik bringen? Der vermeintliche Tabubruch erweist sich bei näherem Hinsehen als donnernde Verstärkung eines vorherrschenden Trends. Seit einiger Zeit schon kippt die Stimmung in der intellektuellen Elite: Wer nicht für einen politisch korrekten, gesinnungssentimentalen und reuewütigen Vergangenheitsbewältiger (oder schlicht für einen Gefolgsmann Helmut Kohls) gehalten werden will, geht auf die Seite der Gegner des Holocaust-Denkmalbaus über. Es sei unangemessen für das deutsche Tätervolk, seine Schuld in solch monumentaler Weise auszustellen. Das sei Ausdruck eines umgekehrten deutschen Größenwahns. Eine bemerkenswerte Umdeutung der Symbolik des geplanten Mahnmals: Was ursprünglich als kritischer Stachel im Selbstbewußtsein des größeren Deutschland verstanden wurde, wird nun als Element der Selbstinszenierung seiner gewachsenen Macht interpretiert. Von denen, die es wirklich so meinen, aber auch von jenen, die ihren generellen Mißmut über nationalmasochistische deutsche Bußeübungen damit als Nationalismuskritik ausgeben können.

Doch trotz dieser Tendenzwende blieb die Debatte bis dato noch immer in einem schier unauflöslichen Patt befangen. Auch die schärfsten Kritiker des Mahnmalprojekts, allen voran der Feuilletonchef der Berliner Zeitung, gingen in ihren öffentlichen Forderungen zumeist nicht weiter, als eine neuerliche "Denkpause" zu verlangen. Wer in die Debatte involviert ist, begreift bald, daß es in dieser Frage keine nur richtigen oder nur falschen Argumente geben kann. In den Berliner Salons macht das treffliche Scherzwort die Runde, man solle doch die unendliche Diskussion über Sinn und Unsinn des adäquaten staatlichen Holocaust-Gedenkens selbst zum Denkmal erklären.

Nun aber erschien der "Now man". Bereit, den Gordischen Knoten durchzuschlagen. Anscheinend unbeeindruckt von jahrelangen quälenden Auseinandersetzungen, wischte er das Holocaust-Projekt vom Tisch. Und ebenso unzweideutig beschied er, die Notwendigkeit der Wiedererrichtung des Stadtschlosses verstehe sich nach stadtästhetischen Kriterien von selbst.

Auch in dieser Frage fungierte Naumann als Schallverstärker eines Stimmungsumschwungs. Spätestens seit sich Matthias Matussek kürzlich im Spiegel zum Fürsprecher der Stadtschloß-Lösung gemacht hat, können sich immer mehr kritische Geister mit dieser traditionalistischen Option anfreunden, die doch anfangs nur als Steckenpferd nostalgischer Kulturkonservativer gegolten hatte. Wer das für eine Kapitulation vor der Herausforderung hält, für die neue Republikhauptstadt eine neuartige städtebauliche Symbolik zu entwickeln, setzt sich dem Verdacht aus, ein Alarmist zu sein, der hinter jeder Berliner Ecke die preußische Restauration lauern sieht. Naumanns Intervention schrieb die Umpolung der Diskursanordnung fest: Für das Denkmal und gegen das Stadtschloß zu sein gilt jetzt als rückwärtsgewandt und unflexibel, die gegenteilige Position aber steht für selbstbewußte Zukunftsorientierung.