Wer von den Wählern in die Verantwortung geschickt wird, der muß selbst entscheiden, wie er mit dem Wahlergebnis umgeht", so SPD-Geschäftsführer Franz Müntefering. Und: "Was für Sachsen-Anhalt gilt, gilt auch anderswo", nämlich in Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen - nicht aber in Bonn.

Trotzdem hat der CDU-Generalsekretär Peter Hintze gleich erläutert, was Münteferings Worte wirklich bedeuten: Dem SPD-Kanzlerkandidaten seien eben alle Mittel recht, um zur Macht zu kommen. Unsinn.

Erwin Teufel hat wieder den Vergleich mit den Republikanern bemüht, die seine CDU rechts liegengelassen hat. Überzeugender wäre es gewesen, wenn er auf die CDU in den neuen Bundesländern verwiesen hätte, die die PDS einfach links liegenläßt. Tut sie aber nicht. CDU und PDS kooperieren durchaus auf kommunaler Ebene. In den östlichen Landtagen kommen gemeinsame Anträge von CDU und PDS vor. Die PDS ist mit Abstand die stärkste Partei im Osten und hat dort ungefähr so viele Mitglieder wie alle anderen Parteien zusammen. Ihr gehören überdurchschnittlich viele Hochschulabsolventen und Angestellte des öffentlichen Dienstes an. Schon deswegen hinkt der Vergleich mit den Republikanern. Die Formel: hier rechtsradikal, dort linksradikal wird von der Mehrheit der östlichen Bevölkerung zurückgewiesen. "Typisch Westen, keine Ahnung", lautet die Standardreaktion - nicht ganz zu Unrecht.

Ich finde es gut, daß Franz Müntefering sich zum Thema PDS geäußert hat. Denn die Strategie: Kein Wort über die PDS, das lenkt bloß von den wichtigen politischen Themen ab, finde ich ebenso abstrakt wie die umgekehrte Strategie, die PDS zum Hauptwahlkampfthema zu machen, von der allein die PDS profitiert. Mir fällt auf: Von Koalitionen mit der PDS hat Franz Müntefering nicht gesprochen. "Das ist doch bloß Taktik", wird entgegnet werden. Glaub' ich aber nicht. Reden wir nicht lange drum herum. Die SPD-Spitze in Mecklenburg-Vorpommern und in Thüringen liebäugelt mit einer SPD/PDS-Koalition. Das Magdeburger Modell, das Müntefering empfiehlt, genügt ihnen nicht. Und der PDS-Vordenker André Brie hat Anfang Juni erklärt: "Ich gehe davon aus, daß es nach dem 27. September im Osten zu einer formalen Zusammenarbeit zwischen SPD und PDS kommen wird." Das kann nur Koalition heißen. Da klingt Münteferings Erklärung, es sei kein Fehler, das Magdeburger Modell einer PDS-tolerierten SPD-Regierung als Beispiel für Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern zu bezeichnen, schon anders. Eine Koalition hat er allerdings nicht ausdrücklich ausgeschlossen. Die ostdeutschen Landesverbände der SPD müssen eben selbst entscheiden. Eine Warnung der Bonner Sozialdemokraten vor einer Koalition mit der PDS hätte bei der SPD in Mecklenburg-Vorpommern ziemlich sicher das Gegenteil bewirkt. So verzwickt ist nun mal die Lage, und die Baracke ist nicht zu beneiden.

Denn FDP und Bündnis 90/Die Grünen sind aus den Landtagen der neuen Bundesländer verschwunden. In Magdeburg ist soeben die DVU in den Landtag gekommen, in den anderen Landtagen gibt es nur die drei Parteien SPD, CDU, PDS. Wenn es keine Kooperation mit der PDS geben darf, heißt das: Große Koalition ohne Alternative. Die PDS kann allen Frust sammeln. Aber da kommt noch anderes hinzu.

Das Verhältnis zwischen CDU und SPD in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt ist, kurz gesagt, katastrophal und in Thüringen nur wenig besser. Das hat mehrere Gründe. Da spielen persönliche Zerwürfnisse eine Rolle, die sie in der Politik so nicht spielen dürfen. Brandt und Strauß, das war wie Feuer und Wasser, dennoch saßen sie eine Zeitlang an demselben Kabinettstisch, weil es politisch geboten war. Der andere Grund: Die CDU steht für Westdominanz und Westarroganz und für allen Einigungsfrust. Ich berichte nur und rechtfertige nicht. Wenn ihr euch mit denen einlaßt, seid ihr bei uns auch untendurch, sagen viele SPD-Wähler. Reinhard Höppner wird bewundert, weil er sich dem Diktat der West-SPD widersetzt hat. Ja, habt ihr denn noch nie etwas vom Konsens der Demokraten gehört? Nein, haben sie nicht.

In östlichen Leserbriefen kann man lesen, die PDS sei demokratischer als die CDU. Franz Müntefering hat diese östliche Gemütslage berücksichtigt, wenn er sagt: "Ich glaube, wir haben in typischer Wessi-Art zunächst einmal nach unserem Schema reagiert. Es war aber richtig, daß Reinhard Höppner aus eigener Souveränität heraus gehandelt hat." - "Wer von den Wählern in die Verantwortung geschickt wird, der muß selbst entscheiden, wie er mit dem Wahlergebnis umgeht." Das ist, von West nach Ost gesprochen, großzügig. Nun reden wir aber einmal Ost-Ost weiter. Das Magdeburger Duldungsmodell hat den Nachteil, daß die PDS Mitspracherechte hat, aber keine Mithaftungspflichten übernehmen muß. Die dortige SPD begründet das so: Die PDS ist derzeit nicht vertragsfähig. Wir machen uns deshalb nicht von PDS-Parteitagsbeschlüssen abhängig. Unsere Partner sind nur die PDS-Abgeordneten. Mit denen kommen wir ganz gut zurecht.