Der Weg in den Krieg ist wunderschön. Blaugrün schimmert das Wasser der Drin, und von den steil aufragenden Kalksteinfelsen stürzen sich Falken hinunter, fangen sich an einem Felsvorsprung ab und schauen auf die Fähre, die sich langsam das aufgestaute Flußtal aufwärts schiebt. Achtzehn lange Kilometer müht sich der alte Kahn durch die Schlucht, dann endlich sind Gezim und seine fünfzig neuen Freunde fast am Ziel. Jetzt nur noch einige Kilometer mit Kleinbussen Richtung Norden gefahren, die Gewehre geschultert und in der nächsten Nacht auf Pferden über die Grenze ins Kosovo, das Land ihrer Großväter.

Gezim aus Bielefeld ist achtzehn Jahre alt. Er kennt die Dörfer im Kosovo vom Urlaub mit den Eltern. Die allsommerliche Reise nach Decan, dem Dorf, wo sie einmal lebten, bevor der Vater in einer Gießerei im Ruhrpott Arbeit fand, war für den schmächtigen Jungen eher eine lästige Schuld den Verwandten gegenüber. Doch seit Decan in der Schußlinie serbischer Granatwerfer liegt, hat Gezim nur noch einen Wunsch: als Kämpfer der albanischen Untergrundarmee UÇK zurückzukommen. Von Bielefeld nach Düsseldorf mit dem Zug. Von Düsseldorf über Zürich nach Tirana mit dem Flugzeug. Dann in den Bus, auf die Fähre und in den Jeep. Die Adresse der Rebellen hat sich Gezim schon zu Hause besorgt.

Seinen Lehrern im Gymnasium ließ er ausrichten, er käme nach den Ferien wieder.

So wie Gezim schließen sich viele junge Kosovo-Albaner aus dem Ausland der Guerilla an. Rund fünfzig von ihnen erreichen jeden Tag das Rekrutierungsbüro der UÇK in Tropoje. Der ganze Bezirk Tropoje ist Rebellenland, hier haben die offiziellen albanischen Autoritäten nichts zu sagen. Die Armee ist nirgends zu sehen. Auch die Polizisten sind verschwunden. Sie hätten auch keine Chance, denn die UÇK hat ein umfangreiches Waffenarsenal in der ehemaligen Schule angelegt. Davor lagern im Schatten der Bäume Freiwillige, in diesen Tagen mehr als sonst. Denn seitdem die Serben die Grenze vermint haben, ist die Passage über die Grenze gefährlicher geworden. Nur noch kleine Trupps suchen sich über felsiges Gestein einen Weg hinunter ins Tal.

Am 18. Juli schossen Serben Granaten auf eine Gruppe UÇK-Kämpfer, die Flüchtlinge nach Albanien geleitete. Etwa 80 Menschen starben, 28 wurden schwer verletzt. Einer von ihnen, der 40jährige Parim, lag trotz seiner blutenden Wunde zwei Nächte unter einem Busch, ehe er sich auf die albanische Seite schleppen konnte. Jetzt liegt er im Krankenhaus von Bajram Curri. "Mit unseren Gewehren hatten wir gegen die Serben keinen Chance", sagt er. Und doch will Parim, sobald es geht, wieder ins Tal. Das kleine Krankenhaus hat sich auf Schlimmstes vorbereitet: Ein dritter OP-Saal ist notdürftig hergerichtet, und der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Perparim Nezirat hat sich fortgebildet. Er kann jetzt amputieren.

Ohne militärische Ausbildung und ausgerüstet mit alten, in Albanien produzierten Kalaschnikows ziehen die jungen Kosovo-Albaner von Tropoje aus in den Krieg gegen eine hochgerüstete, moderne Armee. Doch den 18jährigen Gezim interessiert das nicht, genausowenig den 50jährigen Kosovo-Albaner aus den USA, der seinen Namen lieber nicht nennen möchte. Sie wollen "hier nicht weg, ehe das albanische Kosovo befreit ist". Der Amerikaner hat in Connecticut, wo er seit 27 Jahren lebt, Frau und zwei Kinder verlassen.

Im Schulhof von Tropoje könnte man sich auch auf deutsch unterhalten. "Sehr viele der jungen Männer haben bis vor kurzem in Deutschland gelebt. Aber hier warten nicht nur Albaner, sondern auch Fedajin, islamische Kämpfer aus arabischen Ländern, die UÇK-Basis in Tropoje. Was sie hier machen? "Wir leisten humanitäre Hilfe", sagt einer von ihnen und lacht. Doch die Muslimkämpfer, so fürchtet man inzwischen in Tirana, könnten den ethnischen Konflikt zu einem Religionskrieg ausweiten. Am Flughafen in Tirana wurden darum die Kontrollen verschärft. Mehreren Ägyptern, Saudi-Arabern und Türken, Mitglieder fundamentalistischer Muslimorganisationen, wurde die Einreise verwehrt.