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Das belgische Dorf Morkhoven zählt 2000 Seelen, hat zwei Kneipen, eine katholische Kirche, einen Holzhandel, eine Schlachterei und seit zwei Wochen eine weltweit bekannte Bürgerinitiative: die "Arbeitsgruppe Morkhoven". Sie brachte den Kinderpornohandel im holländischen Zandvoort ans Licht (siehe ZEIT Nr. 31/98).

Im Wohnzimmer von Marcel Vervloesem, 45, dem Gründer der Gruppe, trifft sich die europäische und die asiatische Presse

selbst die New York Times hat über die Enthüllungen der flämischen Aktivisten berichtet. Und während Vervloesem vor wechselnden Kameras auf die letzten Nachrichten der Bild-Zeitung reagiert, sitzt der Vorsitzende der Initiative, Jan Boeykens, 43, am Küchentisch und zeigt jedem neuen Journalisten seine Sammlung internationaler Visitenkarten: von Asahi Shimbun bis zum ZDF.

Daß sie es geschafft hätten, mit ihrer "Truppe von zwanzig Leuten" so ein großes Pädophilen-Netzwerk zu knacken, daß sie, die "als Kriminelle und psychiatrische Fälle diskriminiert" worden seien, jetzt mehr erreicht hätten als "die hohen Herren von Polizei und Justiz", erfüllt Vervloesem und Boeykens mit unüberhörbarem Stolz. Nach ihrem erfolgreichen Einsatz in Europa wollen sie demnächst, man glaubt es kaum, die Kinderpornoszene in Japan aufrollen.

Wer sind diese Morkhovener? Was treibt sie? "Wir sind einfach Idealisten, so wie die Leute von Greenpeace", erklärt der Vorsitzende Jan Boeykens, "wir sind nur noch idealistischer, weil wir realistisch sind." Sie wollten grundsätzlich etwas tun für diskriminierte Menschen. "Das können auch Asylsuchende sein, Jugendliche, die in Isolierzellen landen, oder Rollstuhlfahrer, die keinen Zugang zu den Kinos in Antwerpen finden."

Gegenwärtig konzentriert sich die Gruppe auf die Jagd nach Kinderpornographie, ihren Produzenten, Händlern und Käufern. "Wir treffen uns jeden Abend, und es sind auch Frauen dabei", sagt Boeykens. "Wir haben seit einigen Monaten Kontakte mit Spezialisten in ganz Europa, und wir werden jetzt eine internationale Bewegung."

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Seit ihrer Gründung im Jahre 1989 hat die "werkgroep Morkhoven" eine Satzung, doch was genau drinsteht, weiß der Vorsitzende nicht. Ein Bankkonto habe die Gruppe nicht. Ihre Ausgaben hätten die Mitglieder lange Zeit aus eigener Tasche bestritten. Neuerdings gebe es Spenden, "von kleinen Betrieben", sagt Boeykens

- "von Menschen, die uns spontan was zustecken, auch Journalisten geben hin und wieder 200 Mark", sagt Vervloesem, "manchmal organisieren wir ein Barbecue oder eine Tanzparty, so kommt Geld in die Kasse". Da alles für die laufenden Kosten gebraucht werde, seien Spendenquittungen überflüssig.

Jan Boeykens bezeichnet sich selbst als "politisch progressiv". Marcel Vervloesem sieht er als einen Mann, "der über den Parteien steht". Nach der Gründung der Initiative habe es zwischen rechtsextremen und eher unpolitischen Aktivisten Auseinandersetzungen gegeben. Die Leute vom Vlaams Blok seien dann aber ausgeschieden, um sich in der Lokalpolitik zu engagieren.

Berührungsängste gegenüber Rechtsextremen hat Boeykens nicht: "Das waren doch auch Menschen, die frustriert waren, die sich verletzt fühlten, gegen Mißstände protestieren wollten und sich darum bei uns verstanden fühlten."

Von Luc, der beim Pressespektakel nur kurz im Hausflur zu sehen ist, heißt es, er mache seit zehn Jahren mit. In Unterhemd und Jogginghose, tätowiert und mit Goldkettchen behängt, wirkt er eher wie ein schwerer Junge. Er sei arbeitslos, aber Tag und Nacht mit der Gruppe unterwegs. Reden will er eigentlich nicht, aber dann sagt er doch, daß er dabei sei, weil es so nicht weitergehen könne mit Polizei und Justiz

weil man bei den Morkhovener Aktionen was erlebe, weil "man dann irgendwie dazugehört". Seine Frau Christel sagt schüchtern, sie hätten zwei kleine Kinder, und das sei noch ein Grund.

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Erik, ein anderes Gruppenmitglied, lebt auch von der Stütze. Er ist muskulös und tätowiert. Wie Luc hat er Mühe mit Worten. Erik und seine Frau Bea sagen, sie seien seit zehn Jahren dabei. Drei Kinder haben sie. Erik hat einige der Photos und Videos aus Zandvoort gesehen. Er habe danach nicht mehr schlafen können: "So was muß aufhören", darum sei er dabei.

So diffus die Motive der Gruppenmitglieder erscheinen, so knallhart sind ihre Methoden. "Infiltrieren, observieren, konfrontieren, kontrollieren", sagt Marcel Vervloesem. Um der holländischen Polizei die Arbeitsweise zu erklären, seien gerade fünf Mitglieder zu Gesprächen nach Den Haag gereist. Er selbst besitze seit 1973 ein Diplom als Privatdetektiv, "hab' jahrelang studiert dafür, die ganze technische Polizeiarbeit, Spurensuche, Spurensicherung, Leichenuntersuchung". Auch einer seiner Mitstreiter habe ein Detektivdiplom, und dann sei noch ein Analytiker dabei, der habe auf der Universität "Analysmus gelernt". Begeisterung für die Ermittlungsarbeit sei entscheidend, "weil sonst kriegt man keine Resultate".

Seine Eltern seien arm gewesen, sein Vater früh gestorben, erzählt Vervloesem, die ersten vierzehn Jahre seines Lebens habe er in einem Kinderheim verbracht, daher sein Engagement gegen Unrecht und Ungerechtigkeit.

Ist er selbst als Kind mißbraucht worden? "Ja, sehr viel", sagt der Fünfundvierzigjährige. "Wenn jetzt einer sagt, das gibt's nicht, kann ich aus Erfahrung sagen, wie das Problem entsteht und daß es existiert."

Marcel Vervloesem besuchte die Grundschule und ging dann einer Tätigkeit nach, über die er keine Angaben macht. Seit einem Unfall bezieht er Erwerbsunfähigkeitsrente und versteht sich als Privatdetektiv. Wenn er von seinen Recherchen berichtet, sieht Philip Marlowe wie ein Waisenknabe aus. Am 11. Juni nach Mitternacht will er nach einem dramatischen Telephongespräch ("Vervloesem, kommen Sie, helfen Sie mir") im Wohnzimmer des Pornohändlers Gerrit U. gesessen haben.

Er habe sich dort umgeschaut, acht Computer erblickt und erst einmal eine harmlose Frage gestellt: Haben Sie einen Computerbetrieb? - Ja, habe Gerrit U. erwidert. - Hier? habe er gefragt. - Nein, in Zandvoort. - Dann haben Sie ein Problem, Sie sind auf dem Internet mit Kinderporno. - Nein, habe U.

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gesagt. Daraufhin habe er, Vervloesem, ein eindeutiges Photo aus der Sesselritze gezogen, nach Disketten gefragt, sie kurz auf dem Computerschirm kontrolliert: Soso, da sind auch Babys dabei. - Dann habe er mit fester Stimme gesagt: Herr U., Sie haben ein großes Problem. Sie sind krank, und Sie werden erpreßt. Sollten Sie nicht besser mit diesen schmierigen Sachen aufhören? Ferien machen? Noch einmal schön leben? Geben Sie mir das ganze Material. Wir räumen dann für Sie auf und sorgen dafür, daß Sie nicht mehr bedroht werden.

Gerrit U. habe ihm vertraut, ihm alles erzählt und sogar noch einen Scanner geschenkt, damit er die Photos aus dem Internet kopieren könne, sagt der Privatermittler. Aber leider habe Gerrit U. zu lange gezögert: "Wenn er sich früher an uns gewandt hätte, hätten wir mit dem Material die betreffenden Herren ausspionieren und dem U. helfen können. Jetzt ist er im Himmel oder in der Hölle. Sein Tod in Italien war kein Unfall. Er wurde liquidiert."

Vergangene Woche war Vervloesem von der Polizei festgenommen worden: wegen Zurückhaltung von Beweismaterial. Er rückte es dann doch heraus, womit sein Einsatz eigentlich hätte beendet sein können. Aber aufhören? Jetzt, da er endlich anerkannt wird? Da der österreichische Außenminister seinen Glückwunsch geschickt hat, da selbst der frühere belgische Justizminister Stefaan de Clerck, wenn auch zähneknirschend, den "Morkhovener Freibeutern mit ihren nicht unumstrittenen Methoden" seinen Respekt bezeugt hat? Nein, Vervloesem hat sich Kopien gezogen und will weiterermitteln.

Es könnte ja auch sein, denkt der Mann mit den verbeulten Hosen und den braunen Pantoffeln laut nach, daß die Leute von Europol ihm einen legalen Job anbieten. Für gutes Geld würde er sich nicht lange bitten lassen.