Die Fahrt gleicht einem Triumphzug: Schnittige Cabrios fahren respektvoll zur Seite, Motorradfahrer treten in die Bremsen. Photoapparate klicken, Videokameras surren. Das Volk staunt und starrt. Und wir lächeln und winken huldvoll von oben herab. Wir stammen aus einer anderen Zeit. Reisen in einer Postkutsche, gezogen von fünf Rössern, begleitet von Postillion und Kondukteur. Ein Anachronismus an einem Bergmassiv, das für den Verkehr erschlossen und durchlöchert ist wie kaum ein anderes: Wir sind die Sensation an diesem sonnigen Sommersonntag am St. Gotthard.

Morgens um zehn vor dem Bahnhof in Andermatt. Aus dem Pulk der farbenfrohen Wanderer lösen sich drei Damen in langen, glänzenden schwarzen Roben, behütet und behandschuht, begleitet von einem Herrn im dunklen Anzug. Die Gäste treffen ein, der nostalgischen Tour angepaßt. Von ferne klingen Glöckchen, klappert Hufschlag. Dann biegt sie um die Kurve, die Historische Reisepost, der Gotthardpostkutsche original nachgebaut, ein gelb und schwarz gestrichener Landauer mit Platz für acht Personen. Einen rund 720 Mark teuren Tagesausflug lang werden wir ins vergangene Jahrhundert versetzt und die 27 Kilometer von Andermatt im Kanton Uri über den St.-Gotthard-Paß die Tremolakehren hinunter nach Airolo im Kanton Tessin kutschiert.

Kaum hat Heini, der Postillion, ins Horn geblasen, kaum zuckelt der Wagen los, schon öffnen sich die Fenster, wird uns Lebwohl zugewunken, als müßten wir uns den gefährlichsten Strapazen aussetzen. Die holz-, schiefer- und blumenkästenverzierten Häuser in der schmalen Straße, durch die wir klappern, lassen die Gegenwart vergessen. Vor uns die rauhe Bergkulisse, schroffe Hänge, zwischen denen schneebedeckte Spitzen aufleuchten. Die Illusion ist perfekt und hält an auf dem Weg vorbei an Hospental mit seinem uralten Festungsturm. Die kleine Gesellschaft genießt den sanften Trott. Die geduldigen Freiberger, stämmige Pferde aus dem Jura, lassen sich von dem Verkehr auf der Schnellstraße, in die wir nun einbiegen, ebensowenig aus ihrer unendlichen Ruhe bringen wie durch das Aufsehen, das sie auslösen.

Stoisch trotten die 600 Kilogramm schweren Tiere gemächlich bergauf, kaum beeindruckt auch von der 2,7 Tonnen schweren Last, die sie ziehen müssen.

Plötzlich geht die Post ab. Es huckelt und rappelt, die ganze Kutsche vibriert. Das Geklapper der Hufe macht einen Heidenlärm. Auf einem alten, gepflasterten Sträßchen traben die Rösser dem Paß entgegen, bedrohlich nahe rücken die Gesteinsbrocken. Jetzt kommt eine Ahnung davon auf, wie beschwerlich solch eine Fahrt durchs Gebirg' sein konnte.

Zu Mittag ist die Paßhöhe errreicht, das Gefährt umzingelt von Schaulustigen.

Direkt vor dem Museum erleichtern sich die Pferde. Dampfende Roßbollen zieren nun die Paßhöhe. Hier oben jedoch verfliegt ohnehin schnell jede Romantik.