Die Spötter haben Hochkonjunktur in diesem Wahlkampf. Verständlich, denn selten zuvor kämpften die Parteien mit so viel Unernst um die Gunst der Wähler. Die oft seichten Inszenierungen auf der politischen Bühne provozieren entsprechend satirische Rezensionen in den Medien. Es paßt zu diesem Trend, daß auch Gerhard Schröders Wahlkampfbuch "Und weil wir unser Land verbessern" (eine Anlehnung an die "Kinderhymne" von Brecht) bisher nur mit spitzer Feder behandelt wurde.

Schon die Idee des SPD-Spitzenkandidaten, seine Politik in Briefen darzustellen, weckt Verdacht auf allzu bewußte Originalität. Sollen hier Vertraulichkeit und persönliche Nähe suggeriert werden? Oder ließ der Druck der nahenden Wahl ein durchräsoniertes Opus politicum schlicht nicht mehr zu?

Sei's drum, die 26 Adressaten bilden jedenfalls ein soziologisches Raster, in dem sich sämtliche wichtigen Wahlkampfthemen abhandeln lassen.

Die Tatsache, daß der Ministerpräsident sein Buch mit Hilfe des Journalisten Reinhard Hesse schrieb, sollte hingegen keinen Grund zum Naserümpfen geben.

Einschlägigen Beistands versichern sich die meisten Politiker beim Schreiben.

In diesem Fall ist zumindest eine gewisse Kongenialität der beiden Koautoren festzustellen. Das Buch liest sich, wie Schröder spricht. Flapsig wird Politik als "Job" bezeichnet, ständig werden "Hausaufgaben" (ein Lieblingswort auch Helmut Kohls) angemahnt, und der Leser kann oft ein rhetorisches Schulterklopfen zwischen den Zeilen entdecken.

Das schwankende Bild des Kandidaten gewinnt in den Briefen durchaus einige Konturen. Schröder kennt ja sein zweitgrößtes (neben der Partei, der er angehört) Handicap. Deshalb betont er des öfteren, Lernprozesse dürften nicht mit Opportunismus verwechselt werden. "Brüche und Entwicklungen finden sich nun mal im Leben jedes Politikers", schreibt er beispielsweise an die Adresse Joschka Fischers, der das sicher bestätigen kann. Überzeugender setzt Schröder seine Herkunft aus armen Verhältnissen als Erklärung für seine Politik ein. Er müßte seine Jugend schon massiv verdrängt haben, wäre er nicht sozial grundiert. Einen Geschmack davon gibt sein Schreiben an den Arbeitgeberpräsidenten Dieter Hundt. Wenn der oft apostrophierte "Genosse der Bosse" darin einen Teil der Unternehmer mangelnder Weitsicht und Menschenverachtung zeiht, dürften seine Parteifreunde echten Stallgeruch wittern.