Welche Werte sind den Deutschen wichtig? Welche Organisationen genießen hohes Ansehen? Sollten Kinder von Ausländern deutsche Staatsbürger sein? Wer (oder was) gefährdet den Standort Deutschland? Sollten Sozialleistungen gekürzt werden? Polis, die Gesellschaft für Politik- und Sozialforschung, hat im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung etwa sechstausend Deutsche befragt - in drei Untersuchungswellen innerhalb von eineinhalb Jahren. Die aufwendige Repräsentativbefragung, die Anfang August im Dietz-Verlag erscheint, spiegelt die politischen Grundhaltungen der Deutschen im Wahljahr.

Die ZEIT druckt vorab Auszüge aus der Studie ("Politische Meinungsbildung in Deutschland - Wandel und Kontinuität der öffentlichen Meinung in Ost und West"): Die Sicherung des Wirtschaftsstandorts Deutschland, das Lieblingsthema aller IHK-Präsidenten und Parteipolitiker, steht auch bei den Bürgern auf der Liste der wichtigsten Zukunftsfragen ganz oben. Die Antworten der Befragten lassen deutlich das Muster der Schuldzuweisung erkennen (Schaubild n1): Die Westdeutschen machen für die Standortkrise den teuren "Aufbau Ost" verantwortlich, die Ostdeutschen die teuren Beamten, die Banken und das Großkapital sowie unfähige Manager, die bekanntlich allesamt aus dem Westen kommen. Weitere Stereotype: die erdrückende Ausgabenlast, zu hohe Zahlungen an die EU und zu hohe Subventionen (Westdeutsche) beziehungsweise Ausländer, die den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen (Ostdeutsche).

Die Analyse des Datenmaterials bestätigt erwartungsgemäß, daß die Ursachen für die Gefährdung des Wirtschaftsstandorts Deutschland immer bei den anderen gesehen werden. Facharbeiter, aber auch Freiberufler und Selbständige in Ost und West lasten die Misere in hohem Maße den "teuren Beamten" an.

Verantwortlich gemacht werden ferner - der teure Aufbau Ost, vor allem von Hauptschulabsolventen und Facharbeitern in Westdeutschland, - die Ausländer, hauptsächlich von Un- und Angelernten und Facharbeitern in beiden Landesteilen, - unfähige und zu gut bezahlte Manager, von SPD-Anhängern und Facharbeitern in Westdeutschland und von PDS-Anhängern in den neuen Ländern, - die Banken und das Großkapital, vor allem von SPD-Anhängern im Westen und von PDS-Anhängern im Osten, - die zu hohen Lohnnebenk osten, besonders von leitenden Angestellten, Freiberuflern und Selbständigen in beiden Landesteilen und von CDU-Anhängern im Westen, - der Umweltschutz, vor allem von CDU-Anhängern und Selbständigen in den alten Bundesländern, - die Gesetzesflut, wie derum von leitenden Angestellten und Selbständigen, aber auch - möglicherweise aus anderen Gründen - von den Anhängern der PDS in den Ländern Ostdeutschlands.

Die Bürger wissen möglicherweise nicht genau, wer oder was den Standort Deutschland gefährdet und welche Argumente und Lösungsvorschläge der zahlreichen selbsternannten Experten aus Wirtschaft und Politik stichhaltig sind oder nicht. Die Umfrageergebnisse zeigen deutlich, für welche Themen und Probleme, die gewöhnlich an die Standortfrage gekoppelt werden, sich die Bürger vor allem interessieren, welche Ängste, aber auch welche Forderungen sie damit verbinden n2: - Die Familie gilt in hohem Maße als schützenswert und darf nicht dem "Standort Deutschland" geopfert werden. Familien dürfen nicht benachteiligt werden, Ehepaare ohne Kinder sollten stärker zur Kasse gebeten werden. Dieser Themenkomplex ist wichtig vor allem für die Anhänger der SPD, von Bündnis 90/Die Grünen und der PDS, für einfache und mittlere Angestellte und Beamte, für Eltern vor allem von kleinen Kindern.

- Die Zukunft der sozialen Sicherung und der Altersversorgung interessiert ebenfalls in beiden Landesteilen eine absolute Mehrheit der Befragten, in erster Linie die Anhänger von Bündnis 90/Die Grünen und der PDS, natürlich die Rentner, aber auch mittlere Angestellte und Beamte.

- Das Thema Standort Deutschland im engeren Sinn stößt dagegen vor allem in den neuen Bundesländern auf deutlich weniger Interesse. Einen Artikel mit der Überschrift "Hört auf, den Standort Deutschland schlechtzumachen" würde nur jeder vierte Ostdeutsche auf jeden Fall lesen.