Jedes Geheimnis umranken Gerüchte. Was war über diesen Garten nicht alles zu hören gewesen. Über seine Größe. "Das ganze Südufer des Sees gehört dazu", wußte eine Besucherin zu berichten. Von einer hohen Mauer wurde geraunt. Von Bussen, die an Wochenenden vor dem Gut halten, und von Nasen, die sich dann an Panoramascheiben abdrücken, nur um nach fünf Minuten enttäuscht wieder abzudrehen. Und von etlichen Versuchen, eine Story zu bekommen über Deutschlands Modedesignerin und ihr bestgehütetes Geheimnis - ihren Garten, dieses englisch inspirierte Stück vom Paradies mitten in der Holsteinischen Schweiz, jetzt, da gerade noch der späte Flieder über die Mauern hängt und die Linden schweren Duft verströmen, wo in den Gräben die Kornblume neben wilder Möhre leuchtet und in den Vorgärten der Goldregen tropft.

Auch die ländliche Gesellschaft zwischen Eutin und Rendsburg beschäftigen diese Gerüchte. "Den Gärtner von Prinz Charles soll sie sich geholt haben" und "... so mit Hacke oder Gummistiefeln hat sie ja noch niemand gesehen!"

heißt es spitz. Ist es Neid? Unerfüllte Sehnsucht? Oder grenzt sich hier die Provinz der Städterin gegenüber ab, die ein so fremdes Leben führt?

Plötzlich scheint alles ganz einfach. "Nehmen Sie am besten die Bundesstraße 76", sagt die angenehme Stimme am Telephon. Und da, wo diese Kneipe stehe, etwas verwahrlost, da rechts ab, immer geradeaus bis zum weißen Scherengatter.

"Die Bäume stehen voller Laub, das Erdreich decket seinen Staub mit einem grünen Kleide. Narzissus und die Tulipan, die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide ..." Paul Gerhardt, dem barocken Dichter, war diese alte Konkurrenz bekannt. Der Garten. Die Mode. Sind größere Gegensätze denkbar?

Gewiß, da ist das einigende Band der Jahreszeiten. Frühjahr/Sommer, Herbst/Winter. Jenseits davon aber doch nichts als Kontraste. Hier das beschauliche Wachsen und Werden, dort der kurzatmige Wechsel. Andererseits: Natürlich ist es immer wieder der Zeitgeschmack, der unsere Blütenträume reifen läßt welcher Gartenplaner würde heute seinem Kunden einen Goldfischteich vorschlagen?

Oder nehmen wir das Maßband der Zeit. Für einen Garten sind zehn Jahre gar nichts - im Modebusineß sind in der gleichen Zeit drei Dutzend Stars am Himmel emporgestiegen und wieder verglüht. Ist es vielleicht gerade dieses langsame Reifen, das eine umtriebige Unternehmerin wie Jil Sander so reizt?