Fünf Fernsehteams waren gekommen, ein Dutzend Radioreporter und Lokaljournalisten, eine unübersehbare Menge von Schaulustigen - dann begann es zu regnen, und auch die Augen wurden feucht, als neulich in Soltau um 14 Uhr der diesjährige Wettbewerb im Pfahlsitzen zu Ende ging. 62 Tage und zwei Stunden hatte Regina Odeh unter freiem Himmel auf einem Pfahl gesessen, eine Publikumsattraktion im "Heide-Park" zwischen Achterbahn, Delphinarium, Freiheitsstatue und Currywurst.

Sechzig mal vierzig Zentimeter maß das Brett, auf dem sie saß. Es war aus nordischer Fichte, befestigt auf einem 2,50 Meter hohen Leimholzpflock. Eine Rückenlehne gab es nicht, nur eine Stütze für die Füße. Aufstehen war nicht erlaubt, beide Pobacken hatten auf dem Podest zu verweilen, so verlangte es das Reglement. Alle zwei Stunden, auch in der Nacht, signalisierte ein Gong zehn Minuten Pause, die genutzt werden konnten, sich die Beine zu vertreten oder die Toilette aufzusuchen.

Neun Männer und eine Frau waren Ende Mai an den Start gegangen, um den Weltrekord von 51 Tagen zu brechen. Das Feld lichtete sich schnell. Drei Konkurrenten fielen nachts vom Pfahl, weil sie im Schlaf das Gleichgewicht verloren. Ein vierter nickte während einer Pause ein und verschlief den Wiederaufstieg.

In den letzten zweieinhalb Wochen waren acht Pfähle verwaist. Nur die Frau hielt aus, mit 42 die älteste im Feld, und ihr schärfster Konkurrent, ein Ostfriese. Sein Motto lautete: "Abwarten und Teetrinken." Ihr Motto lautete: "Ich halte bis Weihnachten durch." Am sechzigsten Tag stieg er ab - mit jenem bitteren Gefühl, das nur ein Vizeweltmeister kennt.

Regina Odeh harrte noch zwei Tage aus, um die letzten Zweifel an der Qualität ihres Sitzfleisches zu zerstreuen. Nicht ohne ein gewisses Bedauern - sie hätte noch können - kam dann auch sie herunter. 25 000 Mark Prämie vom Heide-Park sind ein Trost für das letztlich ja doch abrupte Ende, außerdem bekommt sie ihren Pfahl als Trophäe. Er soll daheim in Bad Hersfeld vor der Arztpraxis ihres Mannes aufgestellt werden.

Die Odehschen Kinder, neun und vier Jahre alt, durften zur Siegerehrung kommen und freuten sich sichtlich, zum ersten Mal nach zwei Monaten ihre Mutter wieder in die Arme nehmen zu können. Ob sie das mit dem Pfahl ganz verstanden haben, ist fraglich, aber sie sind ja auch noch klein.

Braungebrannt und fit ist Frau Odeh, die Luft hat ihr gutgetan, sie hat viel gelesen (Dürrenmatt, Ricarda Huch, den neuen Rechtschreibduden), und die neun Wochen waren reich an Begegnungen. Bis zu zehntausend Menschen waren täglich im Park, um Karussell zu fahren und Kuchen zu essen. Weil sich die Gelegenheit bot, wollten sie auch die Pfahlsitzer sitzen sehen. Oft ergaben sich Gespräche, und nicht selten bekam die Frau auf dem Pfahl Post von Schulkindern, die sie als eine höhere Instanz ansahen, vergleichbar dem Osterhasen oder dem Weihnachtsmann.