War ich gerne Pfadfinder? Für die Verfassung, in der ich beflissen mitlief, habe ich später beim Militär eine gnädig-abschätzige Qualifikation kennengelernt: "hat und gibt sich Mühe". Das wahre Mühegeben zeigt sich am Verleugnen der Mühe, und dieses erst macht den Mann - bis er selbst nicht mehr weiß, wann er sich übernimmt. So betrachtet, ist meine Kindheit auch eine Art Grenzdienst gewesen. Eigentlich war sie das als männliche Abenteuer verkleidete Verbot von Kindheit. Ich bin ein Schweizerknabe / Und hab' die Heimat lieb - aus zeitlichem Abstand wirkt dieser Knabe merkwürdig alt. Wir Pfadfinder hatten es pflichtgemäß "toll", aber die uns unterschobene Unbesorgtheit kommt mir heute eher wie eine Ehrensache vor. Wir sollten vieles nicht wissen.

Dazu gehörte der Schrecken des Krieges. Weil uns die Eltern schonen wollten?

Aber es störte sie ja keineswegs, wenn wir den Krieg im Garten nachspielten und an Waffen und Uniformen unsere Mordsfreude hatten. Sie redeten zwar von den Schrecken des Krieges, aber sie gaben uns nicht das Gefühl, daß der Krieg etwas Schreckliches sei. Ich hatte ganz andere Ängste. Wenn der Vater starb, und wir hatten plötzlich kein Geld mehr?

Jungen, die so viel Kindheit verleugnen, müssen Männer sein. Unsere Männlichkeit bewiesen wir etwa an sogenannten Freß-Höcks: Orgien des Kuchenverzehrs, für die unsere Mütter uns auch in der Zeit der Rationierungsmarken auszustatten wußten. Wir verschlangen das Backwerk, bis wir es wieder erbrechen mußten. Es war eine gemeinsame Wertevernichtung, bei der gerade der Genuß, mit dem wir angaben, verboten war. Er bestrafte sich durch den Exzeß von selbst. Dabei gab es, wie bei allen Dispensen von der Zivilisation, einen Comment zu wahren. Im Militärdienst bin ich dem Begriff des "Anstands" wiederbegegnet, der einen nach verschlampten Nächten erst recht zu stählen hatte. War man Offizier, so galt es genau dann, aus dem Truppenkörper die höchste Disziplin herauszuschinden - als wäre "der innere Schweinehund", das Objekt der Überwindung, zugleich das Ziel der Begierde.

Heute habe ich Mühe, diese Triumphe der Verkniffenheit nachzufühlen, und möchte die Mühe, sie Jugendlichen zu erklären, gern für vergeblich halten.

Aber ich beobachte, wie der Sieg kleiner Männer über ihre Unlust auch heute noch als Leistung erscheint, nur soll sie jetzt easy daherkommen. Im Sport ist sie als "Spaß haben" getarnt, in meiner Jugend stand dafür noch der Name "Disziplin" in Ehren. Wir hämmerten sie mit genagelten Marschtritten fest und brauchten nicht dazu zu singen, daß auch die Reihen fest geschlossen waren.

Aber unsere Körper richteten sich danach, auch wenn die Fahne ein Lederwimpel mit einem Totemtier war: Wir hielten sie hoch.