Vergessene des Lebens

Alles ist wie immer bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele: Es glänzen die Abendroben. Es summt der Paparazzischwarm. Und die Mächtigen, Schönen und Reichen schälen sich vornehm aus ihren Luxuslimousinen. Die große Kunstfeier als exklusives gesellschaftliches Ereignis. Aber wer den bösen Blick hat, entdeckt in dem Eröffnungsauftrieb zwischen Karajanplatz und Toscaninihof vielleicht auch etwas anderes: ein bizarres Tableau wie von George Grosz mit stiernackigen Herren, denen der Schweiß in Rinnsalen in den Smokingkragen läuft, und späten Mademoisellen, die im Hängekleidchen elfengleich übers Trottoir trippeln, mit gerüschten Provinzgrazien und bleichen Schöngeistern, die langmähniges Wallehaar tragen. Eine Szenerie irgendwo zwischen Glanz und Dekadenz. Der Höhenflug des Erhabenen, angeweht von einem leisen Pesthauch der Verderbnis. "Ein Sittenbild des 20.

Jahrhunderts".

So hat auch Kurt Weill seine Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" genannt. Und in dieses Sittenbild fügt sich Mister Jimmy Mahoney aus Alaska hervorragend ein. Über das Leben sagt er: "Schlürft es in vollen Zügen, es kann euch nicht genügen." Aber am Ende muß er auf den elektrischen Stuhl, weil es eine Todsünde gibt - kein Geld zu haben.

Mit Brecht/Weills "Mahagonny" hat Gerard Mortier seine diesjährigen Festspiele eröffnet. Es gibt Zyniker, die behaupten, daß das Stück in Salzburg sowieso immer aufgeführt werde, auch wenn es gar nicht auf dem Spielplan stehe - als unendliche Geschichte einer Paradiesstadt des hemmungslosen Genusses und der Geldgier. Ein ungerechter Vorwurf, denn gerade in der Ära Mortier muß das Salzburger Festspiel-Dolce-Vita immer wieder mit unbequemer Kunstanstrengung gebüßt werden. Und seit die neue Netzestadt Baden-Baden mit ihrer hohlen Festivalkulinarik gleich nach der Gründung wieder rasant untergegangen ist, kommt auch mancher Mortier-Gegner ins Grübeln, ob die betuchte Festspielklientel womöglich doch viel anspruchsvoller, kunstsinniger und offener für die Werke der Moderne ist als gemeinhin vermutet.

Als Medium einer Salzburg-Selbstbefragung ist "Mahagonny" eine ideale Stückwahl. "Es stellt eben das Kulinarische zur Diskussion, es greift die Gesellschaft an, die solche Stücke benötigt", schreibt Bertolt Brecht. "Es sitzt noch prächtig auf dem alten Ast, aber es sägt ihn wenigstens schon an."

Vor allem in der vielfach gebrochenen Großform, in der sich mythische Ebenen und Kolportage mischen, in der Weill mit seiner Montagetechnik ungemein kraftvoll schillernde Perspektivwechsel gelungen sind. Auch die politischen Kräfte sind noch vital: Nach dem Ende des Sozialismus wirkt die in dem Stück angelegte Kapitalismuskritik eher drängender als obsolet. Jimmys "Gesetz der menschlichen Glückseligkeit" klingt wie ein Hohelied des Neoliberalismus in den Zeiten der Globalisierung - "Nimm dir das Geld, du darfst es!"

Aber Peter Zadek hat bei seinem Altersdebüt in Salzburg gar nicht erst die Witterung aufgenommen für all diese Aspekte. So routiniert, so berechenbar und leidenschaftslos wickelte er die 21 Szenen ab, daß man zweifeln muß, ob er überhaupt ein Interesse an dem Stück hatte. Von Richard Peduzzi hat er sich als Kulisse eine monumentale Kombination aus Westernstadt und Filmzitat-Babylon auf die Bühne des großen Festspielhauses schieben lassen und dort hinein seine Szenenarrangements gestellt, die manchmal wie aus alten, verstaubten Brecht-Lehrbüchern hervorgekramt wirken, und dann wieder in penetrante Ranschmeiße verfallen mit echten Prügelszenen, nacktem Frauenfleisch und kreischendem Massengewusel beim aufziehenden Hurrikan.

Vergessene des Lebens

Alles nicht des Erzählens wert. Das alte Theaterkrokodil Zadek war einfach nicht hungrig und hat sich nur zu ein paar gelangweilten, schlappen Schwanzschlägen hinreißen lassen. Gwyneth Jones war zudem als Begbick eine glatte Fehlbesetzung, Catherine Malfitano als Jenny viel zu sehr auf den großen Opernauftritt aus. Nur Jerry Hadley mit seinem kraftstrotzenden Tenor als Jim und Dennis Russell Davies am Pult des RSO Wien verpaßten dem Stück die gebotene Kantigkeit und ließen etwas von der ungebärdigen Vitalität der Partitur erahnen. Ein verschenkter Abend. Das Ganze: ein Debakel.

Zwei Tage später hebt sich der Vorhang zur zweiten Premiere im Kleinen Festspielhaus, und wieder blickt das Salzburger Publikum in eine ganz antikulinarische Welt. Eine Gesellschaft der verlassenen und vergessenen Typen des Lebens: Burschen, die altmodische Kassengestell-Brillen auf der Nase haben und sich die langen Haare fettig hinter die Ohren kämmen, Mädchen, die scheußlich gemusterte Kunstfaserkleider tragen, und eine alleinstehende Hausfrau, deren Schwarzweißfernseher auf dem Häkeldeckchen nur noch traurige Streifen sendet. Wir sind in der vertrauten Welt von Christoph Marthaler und Anna Viebrock, die für Salzburg Leos Janáceks Oper "Katja Kabanowa" inszeniert haben. Kein verschenkter Abend. Das Ganze: ein Triumph.

Keiner soll behaupten, die Arbeiten der beiden seien inzwischen austauschbar: Anna Viebrock hat zwar wieder ein hohes Verlies des bröckelnden Alltags auf die Bühne gebaut - in den oberen Etagen die Fensterfront eines sozialistischen Plattenbaus und im Parterre die Innensicht eines kleinbürgerlichen Wohnzimmers -, aber die wechselnden Stimmungen, die dieses Ambiente verströmt, treffen die Atmosphäre in Janáceks Stück auf wunderbare Weise. Die surreale Verquickung von Innen- und Außenwelt, wenn mitten im Wohnzimmer ein mit Grünspan belegter Springbrunnen als Wolgametapher steht (der ab und an ein paar traurige Fontänen verspritzt)

die Gleichzeitigkeit von Intimität und Öffentlichkeit, wenn oben an den offenen Fenstern die braven Bürger im Unterhemd die tödliche Liebesaffäre einer jungen Frau begaffen

die feinen Schwankungen zwischen äußerster Beklemmung und kleinem Glück - dies alles ist immer unmittelbar aus dem Stoff entwickelt.

Janáceks Geschichte von der unglücklichen Katja Kabanowa, die, von ihrem Ehemann im Stich gelassen und von der Schwiegermutter sadistisch gequält, Befreiung in einer verbotenen Liebe sucht und am Ende in die Wolga steigt, lebt genau aus dieser Spannung zwischen gesellschaftlicher Repression und psychologischer Innenschau. Marthaler und Viebrock zeigen viel mehr als das Schicksal einer geschundenen Seele in pathetischer Geste. Sie nehmen die bleiern niederdrückende Gewalttätigkeit der Oper zurück zugunsten einer schwebenden, auch ironisch gebrochenen Tristesse, in der es kleine Fluchten gibt und nostalgisch idyllische Episoden am Rande. Die Jungverliebten üben flotte Diskotanzschritte wie im Fieber eines geheimnisvollen Freiheitsdrangs.

Immer wieder tritt ein Viola-d'amore-Spieler ans Fenster, als wolle er Katja in ihren Empfindungen bestärken. In einer anderen Etage findet sich ein Männerchor zusammen und gibt traurige Ständchen. Chorstücke, die der Janácek-Partitur hinzugefügt wurden.

Vergessene des Lebens

Und so zieht der Abend als milde, traurige, abgründige Wehmutsserenade aus dem wundersamen Osten an uns vorüber, mit einer dramatisch flackernden Selbstmordszene. Großer Schlußauftritt von Angela Denoke in der Hauptrolle: eine berückende Sängerdarstellerin, die sich im Ausdruck geradezu verzehrt für ihre Partie. Ganz klar und frei singt sie, mit ungeheurer Intensität und emotionaler Spannung. Ein großartiges Salzburg-Debüt. Und Sylvain Cambreling hat am Dirigentenpult der Tschechischen Philharmonie deutlich gemacht, was sich aus dieser Partitur an Farbenreichtum, Melancholie und klangsatter Sehnsüchtigkeit herausarbeiten läßt.