Alles nicht des Erzählens wert. Das alte Theaterkrokodil Zadek war einfach nicht hungrig und hat sich nur zu ein paar gelangweilten, schlappen Schwanzschlägen hinreißen lassen. Gwyneth Jones war zudem als Begbick eine glatte Fehlbesetzung, Catherine Malfitano als Jenny viel zu sehr auf den großen Opernauftritt aus. Nur Jerry Hadley mit seinem kraftstrotzenden Tenor als Jim und Dennis Russell Davies am Pult des RSO Wien verpaßten dem Stück die gebotene Kantigkeit und ließen etwas von der ungebärdigen Vitalität der Partitur erahnen. Ein verschenkter Abend. Das Ganze: ein Debakel.

Zwei Tage später hebt sich der Vorhang zur zweiten Premiere im Kleinen Festspielhaus, und wieder blickt das Salzburger Publikum in eine ganz antikulinarische Welt. Eine Gesellschaft der verlassenen und vergessenen Typen des Lebens: Burschen, die altmodische Kassengestell-Brillen auf der Nase haben und sich die langen Haare fettig hinter die Ohren kämmen, Mädchen, die scheußlich gemusterte Kunstfaserkleider tragen, und eine alleinstehende Hausfrau, deren Schwarzweißfernseher auf dem Häkeldeckchen nur noch traurige Streifen sendet. Wir sind in der vertrauten Welt von Christoph Marthaler und Anna Viebrock, die für Salzburg Leos Janáceks Oper "Katja Kabanowa" inszeniert haben. Kein verschenkter Abend. Das Ganze: ein Triumph.

Keiner soll behaupten, die Arbeiten der beiden seien inzwischen austauschbar: Anna Viebrock hat zwar wieder ein hohes Verlies des bröckelnden Alltags auf die Bühne gebaut - in den oberen Etagen die Fensterfront eines sozialistischen Plattenbaus und im Parterre die Innensicht eines kleinbürgerlichen Wohnzimmers -, aber die wechselnden Stimmungen, die dieses Ambiente verströmt, treffen die Atmosphäre in Janáceks Stück auf wunderbare Weise. Die surreale Verquickung von Innen- und Außenwelt, wenn mitten im Wohnzimmer ein mit Grünspan belegter Springbrunnen als Wolgametapher steht (der ab und an ein paar traurige Fontänen verspritzt)

die Gleichzeitigkeit von Intimität und Öffentlichkeit, wenn oben an den offenen Fenstern die braven Bürger im Unterhemd die tödliche Liebesaffäre einer jungen Frau begaffen

die feinen Schwankungen zwischen äußerster Beklemmung und kleinem Glück - dies alles ist immer unmittelbar aus dem Stoff entwickelt.

Janáceks Geschichte von der unglücklichen Katja Kabanowa, die, von ihrem Ehemann im Stich gelassen und von der Schwiegermutter sadistisch gequält, Befreiung in einer verbotenen Liebe sucht und am Ende in die Wolga steigt, lebt genau aus dieser Spannung zwischen gesellschaftlicher Repression und psychologischer Innenschau. Marthaler und Viebrock zeigen viel mehr als das Schicksal einer geschundenen Seele in pathetischer Geste. Sie nehmen die bleiern niederdrückende Gewalttätigkeit der Oper zurück zugunsten einer schwebenden, auch ironisch gebrochenen Tristesse, in der es kleine Fluchten gibt und nostalgisch idyllische Episoden am Rande. Die Jungverliebten üben flotte Diskotanzschritte wie im Fieber eines geheimnisvollen Freiheitsdrangs.

Immer wieder tritt ein Viola-d'amore-Spieler ans Fenster, als wolle er Katja in ihren Empfindungen bestärken. In einer anderen Etage findet sich ein Männerchor zusammen und gibt traurige Ständchen. Chorstücke, die der Janácek-Partitur hinzugefügt wurden.