Wie waren doch die Feiern 1995 erhebend: Fünfzig Jahre nach Kriegsende der große Schlußstrich unter einer grausigen Vergangenheit, Deutschland wieder eins und versöhnt mit allen ehemaligen Gegnern in Ost und West. Wer hätte da noch Böses voraussehen mögen. Als es dann das Musterländle Schweiz erwischte, die Sache mit dem Nazigold, war Schadenfreude hier und da kaum zu verbergen. Sie hielt nicht lange vor denn inzwischen haben Überlebende des Holocaust in Amerika deutsche Banken auf Schadenersatz verklagt. Und nun auch noch die alarmierenden Schlagzeilen: Die Bundesrepublik hat Nazigold-Akten vernichtet.

Inzwischen liegt ein Recherchebericht des Bundesarchivs vor. Es hat gemeinsam mit der Bundesbank - im Auftrag einer internationalen Nazigold-Konferenz - ein halbes Jahr lang nachgeforscht, wo die Unterlagen der Reichsbank geblieben sind. Abgesehen hatten es die Fahnder in den USA vor allem auf die sogenannten Melmer-Hefte. Der SS-Offizier Bruno Melmer lieferte von 1942 bis 1944 in plombierten Behältern all das bei der Reichsbank in Berlin ab, was die KZ-Schergen in Auschwitz und bei Lublin den jüdischen Häftlingen geraubt hatten: Devisen, Goldbarren, Juwelen, Münzen, Ringe, Uhren und Brillengestelle aus Gold sowie die goldenen Zahnfüllungen, die man den Ermordeten aus dem Mund gebrochen hatte. Seltsamerweise wurden die 26 Ordner mit den Lieferquittungen, ehe man sie 1948 den Deutschen zurückgab, nicht von den amerikanischen Archivaren auf Mikrofilm genommen. Jetzt sind die Originale (und auch die Durchschläge) verschwunden, und niemand weiß, was mit ihnen geschehen ist. Jener ehemalige Reichsbankrat, der den Amerikanern bei der Auswertung der Akten geholfen hat, lebt nicht mehr, und der letzte Abwickler der Reichsbank ist nicht mehr vernehmungsfähig.

Eines steht fest: In den siebziger Jahren ist ein großer Teil der Reichsbankakten vernichtet worden ("verkollert", heißt es in einem Dokument).

Es gab damals noch kein Gesetz, das die Vernichtung von Unterlagen des Bundes von der Zustimmung des Bundesarchivs abhängig macht. Aber die Beteiligten mögen "im verwaltungspraktischen Sinn" die Unterlagen für wertlos gehalten haben, zumal ja das meiste davon in den amerikanischen National Archives gespeichert lag. Andere meinen, es habe den Beamten an der historischen Sensibilität gemangelt. Bundesarchiv und Bundesbank haben jedoch klar Position bezogen: Für sie sei es weder nachvollziehbar noch entschuldbar, "daß Dokumente, die so eng mit Verbrechen der Nationalsozialisten verknüpft waren, später achtlos aufgeteilt (würden) und schließlich verlorengehen konnten".

Ob man von Vertuschung oder Versagen reden soll, kann dahingestellt bleiben.

Nur zu viele Deutsche haben die Erinnerung an die unverzeihlichen zwölf Jahre aus ihrem Gedächtnis entlassen. Erst bäumten sich die Deutschen gegen die "Siegerjustiz" auf, dann malochten sie für das Wirtschaftswunder, bis schließlich Ludwig Erhard, als er noch Kanzler war, befand, zwanzig Jahre der Sühne seien genug.

Dennoch gab es bis heute keine Ruhe für die Deutschen. Der böse Fleck ist nicht wegzuwaschen. Wer weiß, was in Moskau und anderswo noch in Archiven oder auf Speichern herumliegt. So stehen wir am Ende des Jahrhunderts ratlos da wie die Berichterstatter des Bundesarchivs zum Schluß: "Es bleiben offene Fragen."