Dem jungen Zeitungsdrucker John Vollmann wurde 1958 ein sechs Zentimeter langes Haar und der Anbruch des Atomzeitalters zum Verhängnis. Mit Hilfe der gerade entwickelten Neutronenaktivierungsanalyse wiesen die Ermittler nach, daß das Haar, das sie zwischen den Fingern der ermordeten sechzehnjährigen Gaetane Bouchard gefunden hatten, von ihm stammte. Für Carmine Calabro wurden dagegen 1979 die Fortschritte in der forensischen Odontologie zum Schicksal: Eine Bißwunde im Oberschenkel einer getöteten New Yorkerin und die Untersuchung seiner Zähne überführten ihn als Mörder.

Ob Elektronenmikroskop oder DNA-Analyse, ob UV- und Laserstrahlen oder Dünnschichtchromatographie - stets führten Neuerungen in Wissenschaft und Technik auch zu Durchbrüchen in der Kriminalistik. "Die Leiche im Kreuzverhör" von Colin Evans zeichnet diese Entwicklung anhand von 62 Kriminalfällen zwischen 1751 und 1991 nach. Evans hat Klassiker der Kriminalistik (von Sacco und Vanzetti über die Hitler-Tagebücher bis hin zum Serienmörder Ted Bundy) sowie unbekanntere Fälle zusammengetragen und fügt damit der immer länger werdenden Reihe populärwissenschaftlicher Abhandlungen über Verbrechensaufklärung ein weiteres Exemplar zu. True crime sells.

Wie so oft schärft dabei der Blick in die Vergangenheit den Sinn für die Gegenwart. So ist die Lust auf Massenuntersuchungen oder der Wunsch nach möglichst großen Dateien zur Verbrechensaufklärung durchaus kein neuzeitliches Phänomen. Die Fortschritte in der Daktyloskopie führten bereits Ende der vierziger Jahre in England zu einem für die damalige Zeit historischen Vorhaben: Um den Mord an einem dreijährigen Mädchen aufzuklären, wurden in mühevoller Kleinarbeit die Fingerabdrücke von über 40 000 Männern der Stadt Blackburn genommen. Und als erstmals in der Kriminalgeschichte 1892 in Argentinien ein Fingerabdruck zur Aufklärung eines Mordes führte, faßte die Regierung den Plan, in einer zentralen Kartei die Fingerabdrücke der gesamten argentinischen Bevölkerung zu erfassen. Nur massive Proteste der Bevölkerung brachten den Plan am Ende zu Fall. So haben die Fortschritte der Forensik also immer auch schon neue Begehrlichkeiten in der Politik geweckt.

Heute sind Pathologen, Ballistiker, Serologen, Toxikologen, Geologen, Biologen und Informatiker daran beteiligt, die Frage zu beantworten, wer wann, wen, wo, womit und auf welche Weise getötet hat. Mit enormen Rechenkapazitäten läßt sich beispielsweise nach der Analyse eines Tatortes am Computer sehr genau der Tathergang rekonstruieren und simulieren.

Doch alle Technik, auch dies macht Evans Fallsammlung deutlich, ist ohne den Faktor Mensch ziemlich wertlos. Erst der Kommissar, der genau zu beobachten versteht und weiß, wonach er suchen soll, kann die Möglichkeiten der Wissenschaft auch sinnvoll nutzen.

* Colin Evans Die Leiche im Kreuzverhör Birkhäuser-Verlag, Basel 1998 379 S., 49,80 DM