Seltsam. Da steigen im Juli die Preise in Westdeutschland so langsam wie seit über zehn Jahren nicht mehr, und niemand freut sich darüber. Im Gegenteil. Die neue Preisstabilität - nach vorläufigen Zahlen beläuft sich die jährliche Teuerungsrate auf nur noch 0,9 Prozent - löst allenthalben Unbehagen aus. Während die Bundesbank nicht müde wird, vor dem Dämon Inflation zu warnen, malen keynesianisch orientierte Experten und Politiker das Gespenst Deflation an die Wand. Gruselstunden deutscher Wirtschaftswissenschaftler.

Wirklich seltsam. Denn sind stabile Preise nicht ein großer sozialpolitischer Erfolg, weil Inflation gerade die kleinen Leute trifft? Und hat sich immer noch nicht herumgesprochen, daß niedrige Teuerungsraten die Voraussetzung sind, um auf längere Sicht das Wachstum anzukurbeln und dauerhaft neue Arbeitsplätze zu schaffen?

Wenn Selbstverständlichkeiten unter ideologischen Beschuß geraten, hilft nur noch ein Blick auf die Fakten. Viel, sehr viel spricht dafür, daß in absehbarer Zeit keine ernsthaften Inflationsgefahren drohen. Erstens: Die Preise auf den Rohstoffmärkten, vor allem für Erdöl, sind in den vergangenen Monaten drastisch gesunken, was die Portemonnaies von Autofahrern und Häuslebesitzern entlastet hat. Auf absehbare Zeit ist ein Anstieg auf alte Höhen nicht zu erwarten. Zweitens: Der internationale Wettbewerb ist so hart wie nie zuvor. Da bleibt den Unternehmen kaum Spielraum, an der Preisschraube zu drehen. Drittens: Obwohl manch ein Wahlkämpfer immer noch das Gegenteil suggeriert, hat der Staat als Konjunkturlokomotive ausgedient. Globalisierung und Europäische Währungsunion setzen einer expansiven Fiskalpolitik, also preistreibenden Kräften, enge Grenzen. Viertens: Die Krise der staatlichen Rentenversicherung dürfte die Jüngeren zu verstärktem Sparen motivieren und somit den Konsum dämpfen. Und fünftens: Die Massenarbeitslosigkeit, so makaber es ist, sorgt für relativ stabile Preise. Den Gewerkschaften wird es in dieser Lage kaum gelingen, Löhne und Gehälter überdurchschnittlich zu erhöhen.

Haben also doch jene Experten recht, die seit längerem schon warnen, Deutschland taumele in eine Deflation, also in eine desaströse Wirtschaftskrise à la Japan? In ihren Augen sind die Preise bereits rückläufig, auch wenn dieser Trend erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist. Zwei Argumente sind in der Tat nicht von der Hand zu weisen: Zum einen haben die Bundesbanker erst jüngst Ungenauigkeiten beim Messen der Inflation eingeräumt. Im Durchschnitt wird die Teuerung nach Angaben der Frankfurter Währungshüter pro Jahr um rund drei Viertel Prozentpunkte überzeichnet. Mit anderen Worten: De facto liegt die Inflationsrate bereits heute bei Null. Zum anderen gehen Preise häufig erst nach oben, wenn der Gesetzgeber seine Finger im Spiel hat, beispielsweise durch steigende Zuzahlungen für Arzneimittel oder, wie erst im Frühjahr, durch die höhere Mehrwertsteuer. Solch administrierter Preisanstieg hat mit Inflationsrisiken ebenfalls nichts zu tun.

Allerdings auch nicht mit einer Deflation im klassischen Sinn. Schließlich expandiert die Nachfrage hierzulande wie seit langem nicht mehr. Die Wirtschaft wächst robust, die Investitionen nehmen zu. Eine deflatorische Abwärtsspirale, die dadurch gekennzeichnet ist, daß sich Verbraucher und Unternehmer beim Geldausgeben immer mehr zurückhalten, sieht wahrlich anders aus. Abwarten, entgegnen die Skeptiker. Niemand kann ihrer Ansicht nach garantieren, daß sich der jüngste Aufschwung nicht als Strohfeuer entpuppt.

Hintergrund: Deutschlands Wirtschaft hängt mehr denn je am Export. Trotz aller Erfolgsbilanzen der Ausfuhrindustrie kann hier Unheil drohen. Vor allem Briten und Amerikanern geht nach einem langen Konjunkturhoch etwas die Puste aus. Und Asiens Finanz- und Wirtschaftsdebakel sowie unkalkulierbare Risiken in China und Osteuropa sorgen zusätzlich für Unsicherheit. Wer immer das Schlimmste annimmt, mag zu solchen Schlüssen kommen. Nur ist ein derart kollektiver Einbruch der Exportmärkte eher unwahrscheinlich. Fazit: Zu größerer Sorge besteht kein Anlaß - weder in die eine, noch in die andere Richtung.

Für die Geldpolitik kann dies nur heißen: weiter so. Auch wenn der Euro erst am 1. Januar kommt und die nationalen Zinsniveaus zum Teil noch geringfügig divergieren, hat die Währungsunion de facto längst begonnen. Mit anderen Worten: Die Europäische Zentralbank (EZB) ist gut beraten, den bisherigen Kurs fortzusetzen, also die Leitzinsen auf dem europaweit niedrigen Niveau zu belassen.