O großes Polen, Heimat der Poeten. Da unterbrechen alle Rundfunkstationen des Landes am Vormittag des 28. Juli ihr Programm. Generalstreik? Wieder mal Kriegsrecht? Nein, eine der so leisen wie mächtigen Stimmen des Landes ist verstummt. In den Morgenstunden ist der Dichter Zbigniew Herbert gestorben.

Da bleiben die Polen in ihrer Trauer nicht allein. Der da nach langer Krankheit im Alter von 73 Jahren in Warschau gestorben ist, war - nein: ist und bleibt einer der großen Dichter Europas in diesem Jahrhundert. Als 1996 WisIawa Szymborska den Nobelpreis für Literatur erhielt, fragten sich viele Leser in Polen: Und Zbigniew Herbert? Aber so geht es zu in diesem Land literarischer Hochkultur: Keiner neidet der Poetin den Preis, und Herbert ist einer der ersten Gratulanten. Daß er Dichter wurde: Zufall? Schicksal? Auf jeden Fall Leid, der Schrecken einer großen, von deutschen Besatzern, dann von Stalins Kommunisten fast völlig ausgerotteten Generation. Der am 29.

Oktober 1924 im damals polnischen Lwów (Lemberg) Geborene wollte Wissenschaftler werden. Vielleicht haben Juristerei und Volkswirtschaft einen Lehrling verloren, die Dichtkunst hat einen Meister gewonnen. Der kritische Kopf, dem engstirnige Sozialisten die Universitätslaufbahn verwehren, verwandelt seine philosophische Kraft in strenge Worte, schöne Bilder.

Gedankenlyrik heißt die Schmähvokabel in Deutschland, dabei glühen Herberts Verse von Sinnlichkeit, Anschauung, melancholischem Witz. Karl Dedecius, der große Übersetzer, hat Herbert auch zu einem in Deutschland verehrten, ja: gelesenen Autor gemacht ("Die Höhle des Philosophen" "Ein Barbar in einem Garten", vor allem immer wieder "Herr Cogito", alle bei Suhrkamp).