Der Kuß ist ein Kind des Flirts. Seine Poesie ist die Flüchtigkeit. Wer diesen Charme der Vergänglichkeit liebt, kann einer Frau in die Arme sinken, ohne ihr in die Hände zu fallen. Jeder Kuß ist ein Abschied. Die süßesten sind die letzten Küsse. Wird der Kuß zum Ritual, muß sein Zauber verfliegen. Die Ehe ist der natürliche Feind des Kusses. Küßt der Gatte vor dem Altar die Braut, besiegelt er ein Verhängnis. Julia konnte nur deshalb "Du küßt ganz nach der Kunst" zu ihrem Romeo sagen, weil ihr erster der letzte Kuß war.

Der Literaturwissenschaftler Otto F. Best hat unter Mithilfe des Zoologen Wolfgang M. Schleidt versucht, eine Kulturgeschichte des Kusses zu schreiben. Ihre Kuß-"Biographie" beginnen die beiden mit biologischen Grundlagen. Küssen könnte ein Derivat des Fütterns sein: "Es ließ sich nachweisen, daß Tiere gekaute Obststücke aus dem eigenen Mund in den Mund des Freundes schoben. Es ist wohl möglich, daß hierin der Ursprung der Kußbewegung zu suchen ist." Als spezifisch menschlich wertet Best, daß das Küssen "die Orientierung der Körper face à face" erlaubt. Der Mensch ist - neben einigen Affenarten - das einzige Tier, das Auge in Auge, Kuß um Kuß kopuliert.

Der Kuß hat zahlreiche symbolische Dimensionen, fast alle sind sie religiösen Ursprungs. Er kann Verrat bedeuten, denn mit einem Kuß offenbarte Judas den Jesus. Mit einem Handkuß, einst eine Segnung, huldigt man den blauen Augen einer gnädigen Frau. Der Fußkuß, mit dem Maria Magdalena den Erlöser beglückte, bezeugt Untertänigkeit. Der berühmteste Fußkußverweigerer, so erzählt es Best, ist übrigens Rabelais. Als sein Arbeitgeber, der Bischof du Ballay, bei einer Audienz dem Papst den Schuh küßte, verließ Rabelais den Raum. Allerdings hatte er eine schlagfertige Ausrede parat. "Wenn Ihr", entgegnete er dem Bischof, "der Ihr mein Herr seid, nur den Pantoffel küssen dürft - was soll dann ich erst küssen?"

Küsse sind freilich nicht nur symbolisch, sondern auch real. Man vermischt nicht nur die Seelen, sondern auch die Bakterien. Alles eine Frage der Sichtweise. Wenn Romantiker vom coup de foudre, dem Blitzschlag des ersten Kusses, schreiben und süßen Nektar und zimtenen Atem von den Lippen der Geliebten trinken wollen, sprechen Zyniker wie Woody Allen davon, daß man einander auf unhygienische Weise die Zunge in den Rachen schiebe. Dem Zyniker geht es beim Küssen wie in der Oper: Er überlegt, woran er gerade denken könnte.

Natürlich ist es eine Oper von Wagner, die den berühmtesten Todeskuß zeigt. Isolde saugt Tristan den letzten Atem von den Lippen und versiegelt sie für immer. Der Abschiedskuß vereint final im Liebestod.

Es ist Otto F. Best zu danken, daß er 400 Seiten Material zum Kuß zusammengetragen hat. Statt der angekündigten Biographie hat er aber eine wahrhafte Kuß-Enzyklopädie vorgelegt, die eher gelehrt und trocken als unterhaltsam und lebendig ist; ein wenig schmeckt sie nach dem Staub der Bibliotheken.

Nun müßte nur noch jemand auf der Basis von Bests Material eine Theorie des Kusses schreiben. Schnell und flüchtig müßte sie sein, prickelnd und bittersüß wie ein Kuß. Und in ihrem Zentrum müßte die konsequenteste Küsserin der Literaturgeschichte stehen. Kleists Amazonenkönigin Penthesilea exerziert an ihrem Geliebten Achill die Kunst des Küssens als Theorie der Liebe, des Abschieds und der Sprache. Aus einer symbolischen Redewendung macht Penthesilea bittere Realität. Küsse und Bisse: