Was soll, was will, was kann er tun - der SPDSchattenstaatsminister für kulturelle Belange, Michael Naumann, der weltgewandte, gebildete Verleger? Eine Woche lang kreiste das deutsche Feuilleton, wies auf die Grenzen der Bundeskompetenz für Kultur hin, warnte vor rotem Wilhelminismus, nur weil Naumann wahlkampfgerecht starke Sätze abgelassen hatte: für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses, gegen das Holocaust-Mahnmal, für eine elegante Einigung mit den Russen über Beutekunst und die Weltgeltung des deutschen Films. Gerhard Schröders Kulturberater-Truppe - keiner unter 44, keine Frau, kein Nichtdeutscher - möchte "kulturpolitische Brückenköpfe im Zentrum der Regierungsmacht" errichten. Da jubeln sozialdemokratische Leitartikler, hier werde "mit Autorität" ein Zeichen gesetzt: endlich "der Aufbruch", endlich die neue Aussöhnung von Geist und Macht.

Es ist die Sprache von vorgestern, aus der Zeit der Sartre, Böll und Solschenizyn. Längst vorbei. Kunst mag immer noch einzelne bewegen, gesellschaftlich ist sie entschärft, ihre kommerzfreie Würde unter die Sponsoren gefallen: das Avantgardetheater wird längst zur Promotion der neuen A-Klasse durchs Land geschickt, die rotzigen Einsprüche von Dada hängen in der Deutschen Bank. Die Beseitigung des Mülls auf der Love Parade und die Ausbildung von Wagner-Sängern sind ökonomisch äquivalente Teile des großen globalen Geldstroms geworden.

Das alles ist schlimm, aber kaum trostreicher war die sozialdemokratische Leitidee der achtziger Jahre: die Kulturgesellschaft als "sinnvolle Fortsetzung der Sozialpolitik", derzufolge Kunst den "sozialpathologischen Gefahren" der Arbeitslosigkeit vorbeuge und den Menschen helfe, sich "auch in den kommenden schweren Zeiten in der Welt emotional und intellektuell einzurichen und jene Kreativität zu entwickeln, die ein Volk von Blaupausenzeichnern braucht" (Hilmar Hoffmann). Das Klavier als Trainingsgerät fürs kreative Management, Haydn als Breitband-Antidepressivum, Brecht als Bastelbogen, Beethoven als Exporthelfer? So war es nicht gemeint. Sondern rebellisch, fordernd, provozierend.

Aber nicht, was Naumann sagt, sondern "daß er wie ein Erlöser bejubelt wird", da hat die FAZ recht, ist das wirkliche Symptom, ein Indiz für den wider alle kommerzialisierte und sozialfürsorgerisch kastrierte Kunst immer noch nicht gestorbenen Hunger auf Sinn. Ein Zeichen dafür, wie groß das Mißverhältnis geworden ist zwischen den epochalen Herausforderungen, vor denen wir stehen - den Gefährdungen der Natur, den großen Wanderungen, den seelischen Folgen einer globalen Satellitenkultur, der Entmachtung der Nationen und damit dem Substanzverlust der Tradition, der Zerstörung verbindlicher Werte in den Gewaltorgien und den Konsumgewittern des Jahrhunderts - und den verzagten intellektuellen Reaktionen.

Immer wieder erwarten wir noch etwas. Nur was? Die 68er hatten noch einmal an die radikaldemokratischen, sozialistischen, libertären Traditionen angeknüpft. In den siebziger Jahren brachte das große Erschrecken über die Grenzen des Wachstums radikale Einsprüche gegen Konsumismus und die Zerstörung von Stadt und Natur hervor. Auf die Suhrkamp- folgte die rororo-aktuell-Kultur, gab die Themen für den Vormarsch der Grünen vor.

Und nun? Nach dem Ende des Kalten Krieges ist ein konturierter intellektueller Aufbruch nicht zu erkennen. Weder die Grenzen des Wachstums noch die europäische Verfassung, der Fundamentalismus, die Völkerwanderung oder der Ruf nach globaler Gerechtigkeit beleben spürbar und folgenreich unsere politischen Debatten. Zu groß und einschüchternd scheinen die Herausforderungen, zu unwahrscheinlich, daß sie in kollektivem Handeln bewältigbar sind.

Nur Amerikaner, die ja bekanntlich naiv sind, glauben noch an Großprojekte und fragen - wie Paul Kennedy -, warum die Europäer sich nicht entschlossen als Staat konstituieren oder, ganz praktisch: das Mittelmeer reinigen? Und nur in der Mischung von Radikalität, Ironie und Geduld läßt sich eine Revolution (auch nur der Denkungsart) noch fordern, wie Subcommandante Marcos es im Monde Diplomatique regelmäßig tut.