Vielleicht habe ich heute morgen meinen Sohn sterben sehen..." Dieser verstörende Satz stand am Anfang des Romans "Afternoon" von Michael Joyce und damit am Beginn eines neuen Genres, genannt Hyperfiktion. Das war 1987.

Hyperfiktionen sind interaktive Erzählungen, die am Computer gelesen werden. Der Mausklick ersetzt das Umblättern, per Tastendruck wählt man Erzählvarianten aus und wühlt sich durch ein Labyrinth verzweigter Erzählpfade, ohne Schluß und ohne Antwort, endlos rekombinierbar wie ein Stapel Spielkarten.

Michael Joyce ist ein bärtiger, graumelierter Professor für kreatives Schreiben am elitären Vassar College. Eigentlich hatte er sich nach der Publikation seines preisgekrönten (Papier-)Romans "The War Outside Ireland" (1982) nur einen Computer gekauft, um seine Texte leichter bearbeiten zu können. Doch als der Schriftsteller Joyce bemerkte, wie einfach sich am Bildschirm Textblöcke frei verschieben lassen, wünschte sich der Lehrer Joyce, seine Studenten an diesem Schaffensprozeß teilhaben zu lassen. Die Hyperfiktion war damit geboren - lange vor ihrer technischen Realisierung.

Denn Joyce' wundersame "Schreib-Lehrmaschine", die jeden Text als permanenten Schreiblaborversuch in einem formbaren Zustand halten könnte wie ein Stück nassen Ton, gab es nicht. Also erfand er sie. 1985 begab sich Joyce ein Jahr lang an die Yale University, um dort gemeinsam mit einem Team von Forschern aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz sein literarisches Programm in Pascal selber zu schreiben. Er taufte es Storyspace. "Afternoon" sollte lediglich ein Beispieltext sein, um den Studenten zu demonstrieren, was Storyspace alles kann, und um ihnen Lust zu machen, selbst das interaktive Schreiben zu lernen.

Storyspace ist mittlerweile die Standardsoftware für Hyperfiktionen geworden, vertrieben vom kleinen Literaturverlag Eastgate bei Boston, bei dem auch ein Großteil der anspruchsvollsten Interaktivliteratur erscheint. Denn die gibt es nicht im Netz, als freebie, sondern nur als teuer bezahlte Diskette, damit die Autoren auch angemessen für ihre Mühen entlohnt werden können. Hauptabnehmer sind die akademischen Schreibseminare, in denen Studenten nicht nur lernen, mit Sprache und Computern umzugehen, sondern auch, über ihre neuartigen Leseerfahrungen zu reden und damit Literaturkritik an ihren selbstgebastelten Texten zu üben.

Storyspace ist nicht einfach ein World Wide Web im Diskettenformat. Im Gegensatz zu dessen Zettelkastenprinzip ist die Autorensoftware in der Lage, die Lektüreentscheidungen der Leser zu registrieren und bestimmte Seiten erst freizugeben, wenn andere einmal gelesen worden sind - oder mehrfach. Die Konvergenz von Netz und Storyspace ist allerdings geplant, noch dieses Jahr soll eine javabasierte Version von Storyspace erscheinen.

Das Leseerlebnis im Geschichtenraum gleicht einer Mauswanderung durch einen verwinkelten Erzählraum voller Zirkelschlüsse, Tapetentüren und Sackgassen. Dieser Raum ist kein bunter Cyberspace, flirrend von Sensationen. Er ähnelt eher einem puritanischen Klassenzimmer, geweiht der Konzentration und Selbsterkenntnis: "Keine Unterbrechungen!" fordert Joyce in einer Leseanleitung. "Die Lektüre sollte ein nahtloses und nicht unterbrochenes Erlebnis sein." Das gleiche forderte Edgar Allan Poe für die von ihm erfundene Gattung der Short story.