Kombinierte Studiengänge aus Wirtschaft und einem anderen Fach sind nicht neu; den Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen etwa gibt es an der Technischen Universität (TU) Berlin schon seit 1932. Neu aber ist, daß nun auch klassische akademische Disziplinen mit der Wirtschaft verbunden werden. Einer der Vorreiter ist hier die Universität Ulm, die schon 1978 einen Studiengang Wirtschaftsmathematik ins Leben rief. Jetzt gibt es in Ulm wieder etwas Neues: Vom kommenden Wintersemester an kann man in Albert Einsteins Geburtsstadt Wirtschaftsphysik studieren.

Allerdings ist keineswegs sicher, daß die Ulmer den Erfolg ihrer Wirtschaftsmathematik wiederholen können. Denn um wirtschaftswissenschaftlichen Inhalten Platz zu machen, muß das Physikcurriculum abgespeckt werden. Dadurch entsteht eine ähnliche Gefahr wie auch für das in Physik angestrebte Kurzstudium mit Bachelor-Abschluß: Genau die Maßnahmen, mit denen die Chancen der Physiker auf dem Arbeitsmarkt erhöht werden soll, machen die Vorteile zunichte, die sie bisher dort hatten - ein Nullsummenspiel.

Hier sehen die Ulmer ihre Marktlücke: Die Ausbildung zum Wirtschaftsphysiker soll nicht länger dauern als ein herkömmliches Physikstudium: regulär neun Semester, Prüfungen und Diplomarbeit inklusive. Vom ersten Semester an werden simultan Ökonomie und Physik gebüffelt, dazu Mathematik als obligatorisches Propädeutikum sowie Einführendes zur Informatik.

Für die Diplomarbeit haben die Studenten ein Semester Zeit, die Hälfte von dem, was einem angehenden Diplomphysiker zur Verfügung steht. Der Studiendekan für Physik, Wolfgang Hüttner, räumt ein, daß sich eine physikalische Diplomarbeit an der Front der Forschung in dieser Zeit kaum durchführen läßt. In der Regel werden Abschlußarbeiten der Ulmer Diplomwirtschaftsphysiker wohl betriebswirtschaftliche Themen zum Gegenstand haben. Hier genau liegt das Problem: Der Physikprofessor Peter Vogl von der TU München etwa hält das Ulmer Programm zwar für eine sehr gute Idee, glaubt aber auch, daß der hohe Marktwert der Physiker und ihr guter Ruf als anpassungsfähige Generalisten vor allem dem Umstand zu verdanken seien, daß sie selbständig eine ausgewachsene wissenschaftliche Arbeit anfertigen müssen, die in vielen Fällen publikationsreif ist. Die Reaktionen der potentiellen Arbeitgeber fallen bislang noch verhalten aus, etwa bei Philips in Hamburg, wo die Personalverantwortlichen wirtschaftliche Kenntnisse für Physiker zwar "grundsätzlich begrüßen", bei der Einstellung auf "das persönliche Profil der Bewerber" aber letztlich mehr Wert legen.

Eignet sich die Physik vielleicht weniger gut zum Kombistudiengang als andere Fächer? Die Ulmer Studienplaner scheinen solche Befürchtungen auch umzutreiben, und so haben sie beim Kultusministerium durchgesetzt, daß sich ein fertiger Diplomwirtschaftsphysiker in anderthalb bis zwei Jahren zum Diplomphysiker weiterbilden kann.