Unser Kreuzfahrtschiff war eines der letzten, die in den ersten Julitagen den Jangtse passieren durften, bevor die große Flut losbrach. Die ruhige Gelassenheit, mit der es über die lehmig-braunen Fluten des Chang Jiang, des "Langen Flusses", dahinglitt, war von Beginn an trügerisch. Zwar wußten wir, daß der Wasserstand die Alarmmarke bereits um knapp zwei Meter überschritten hatte, hörten von starken Unwettern am Unter- und Oberlauf des Jangtse, doch das Ausmaß der nahenden Katastrophe begriffen wir erst am Ende unserer Reise, in Wuhan, wo sich die Bewohner bereits hinter Sandsackbarrikaden verschanzt hatten.

Es war auch nicht die steigende Flut, die uns während dieser Reise beschäftigte, sondern der Anblick einer Landschaft, die es so, wie wir sie vor Augen hatten, in zehn Jahren nicht mehr geben wird. Denn nach Vollendung des gigantischen Drei-Schluchten-Staudamms bei Sandouping im Jahr 2009 werden ganze Städte und Dörfer, werden Tempel und Fabriken, Seilbahnen und Brücken überflutet sein und für immer auf dem Grund eines Sees liegen, der größer ist als der Bodensee. Dann, so versichern unsere chinesischen Begleiter, werden die Menschen, die entlang der Jangtse-Ufer wohnen, während der regenreichen Sommermonate nicht mehr um ihr Leben bangen müssen.

Solche Botschaften überfordern die Vorstellungskraft des Reisenden. Absurd erscheinen sie vor allem dann, wenn man entlang der Jangtse-Ufer völlig intakte, mit Emsigkeit und lautem Leben erfüllte Städte sieht, über denen sich jedoch in den höheren Hanglagen die bereits fertigen, noch unbewohnten Geisterstädte erheben. Dorthinauf, in diese Hochhausballungen von wabenhaftem Gleichmaß, werden die Menschen von Fuling und Fendu, von Wanxian und Wushan umziehen, bevor die große Flut kommt. "Nur ein Stockwerk höher", wie die junge Dolmetscherin lächelnd und leichthin bemerkt.

So einfach aber wird der Wechsel für die meisten der rund anderthalb Millionen Menschen nicht sein, die nach und nach umzusiedeln sind. Ein Großteil, vor allem Bauern, wird es weit weg, in fremde Gegenden verschlagen, und zwar ohne die geringste Aussicht, jemals wieder vergleichbar ertragreiches Land wie das an den Jangtse-Ufern bestellen zu können.

Chinas längster Fluß, der von der Quelle bis zu den Drei Schluchten bereits die Hälfte seines sechstausend Kilometer langen Weges zurückgelegt hat, war für das Land von jeher Segen und Fluch zugleich. Sein sedimentreiches Wasser hat den Agrarregionen, die er durchfließt, schon immer zu besonderer Fruchtbarkeit verholfen. Doch wenn der Jangtse über die Ufer tritt, fordert er Menschenopfer in kaum vorstellbarer Zahl. 320000 Tote kosteten die schwersten Überschwemmungen dieses Jahrhunderts, über 2000 sollen es in diesem Jahr bereits sein.

Nicht immer begleiten Landschaften von idyllischer Schönheit den Flußverlauf, der sich, mit chinesischen Augen gesehen, in Form eines gewaltigen Drachen durch die Mitte des Riesenreiches windet. Wie am Rhein wechseln auch am Jangtse malerische Gegenden und Industrieregionen, präsentieren sich an den Berghängen nicht nur Tempel und Pagoden, sondern auch Fabriken mit qualmenden Schloten.

Die Stadt Chongqin, in der die flußabwärts führenden Kreuzfahrten beginnen, bleibt als ein Ort in Erinnerung, der dem Hades an Unwirtlichkeit nicht viel nachsteht. Für die Gäste, die in stockfinsterer Nacht die steilen Ufer zur Anlegestelle hinuntergestolpert waren, ist der Anblick am Morgen ein Schock. Aus den Slumvierteln am Schräghang steigen gewaltige Stützpfeiler auf, die, so weit das Auge reicht, einen weiten Schlingenwurf mehrspuriger Betonstraßen tragen. Zwischen den Hütten liegen offene Abfallhalden, die ihren Müll kaskadengleich bis hinunter zum Flußufer ergießen.