Der Pressesprecher des Weißen Hauses liegt richtig mit seiner Vermutung: "Wir haben gerade einen Brief von Präsident Clinton über die Reform der Wahlkampffinanzierung veröffentlicht. Aber das hat wahrscheinlich keiner von Ihnen gemerkt." Nach dieser Eröffnung des täglichen Briefings schweigt Barry Toiv. Das Pressecorps stutzt kurz, Gelächter füllt den Raum. Tatsächlich, wen interessieren in der amerikanischen Hauptstadt in diesen schwülen Augusttagen schon irgendwelche Wahlkampffinanzen? Nur einen Augenblick später stellt dann auch einer der Reporter wieder die Frage, die alle beschäftigt: "Hat Präsident Clinton die Wahrheit gesagt, als er schwor, er habe keine Sexaffäre mit Monica Lewinsky gehabt?"

Eine, vielleicht die endgültige Antwort ist am 17. August zu erwarten. An jenem Montag wird Clinton - als erster Präsident in der Geschichte der Vereinigten Staaten - einer Grand Jury unter Eid Rede und Antwort stehen. Und zum ersten Mal seit Beginn des Lewinsky-Skandals könnte die Lage für ihn dann wirklich bedrohlich werden. Sonderermittler Kenneth Starr wird Clinton möglicherweise nicht nur ein Verhältnis mit der ehemaligen Praktikantin des Weißen Hauses nachweisen, er könnte ihn auch des Meineides über diese Beziehung, der Behinderung der Justiz und der Anstiftung zur Falschaussage überführen. Ein möglicher kleiner Seitensprung ist somit zu einer unmittelbaren Gefahr für die Clinton-Präsidentschaft geworden.

Lange schienen solche Vergehen und die folgenden Lügen nur den Wahnvorstellungen eines übereifrigen Spürhundes zu entspringen. Seit Monaten versuchte Starr ein Fehlverhalten des Präsidenten nachzuweisen. Immer tiefer wühlte er in Clintons Umfeld, verschickte zahllose Vorladungen, befragte Mitarbeiter des Weißen Hauses, Ratgeber und Freunde, zuletzt sogar seine Sicherheitsbeamte und Rechtsberater. Immer wieder bearbeitete er auch Monica Lewinsky - unbeirrt davon, daß er längst zu einem der unbeliebtesten Männer Washingtons gekürt worden war.

Mit dem Widerruf ihrer bisherigen Aussagen und dem Versprechen durch ihre Anwälte, sie werde eine Affäre mit Clinton unter Eid zugeben, lief Lewinsky ins Starr-Lager über: War es der monatelange Druck? War es die Aussicht auf neuen Glamour? Wer will das heute entscheiden. Gleichzeitig mit ihrem Schwenk übergab sie dem Sonderermittler ein Kleid, auf dem möglicherweise Samenspuren von Clinton zu finden sind.

Das dunkelblaue Cocktail-dress von GAP, dem Ausstatter der modischen Jugend, ist damit zum Objekt tiefschürfender Betrachtungen geworden. Teile der politischen Klasse Washingtons führen sich auf wie forensische Experten. Wie lange halten sich Spermaspuren? Überstehen sie eine chemische Reinigung? Wird Clinton zum Vergleich eigenes DNS-Material zur Verfügung stellen müssen - und wollen? Das FBI will das Ergebnis seiner Untersuchungen geheimhalten. Es wäre allerdings erstaunlich, wenn im Fall Lewinsky ausgerechnet diesmal irgend etwas unter der Decke bliebe. Sollte der Test negativ sein, könnte Clinton erst einmal aufatmen. Gibt das Kleid Samenspuren her, wird der Verdacht gegen ihn noch härter.

Wer hätte sich je vorstellen können, daß ein Präsident der Vereinigten Staaten mit einem solch degoutanten Beweisstück in Verbindung gebracht würde? Aber für den Enthüllungseifer gibt es keine Schamgrenze mehr. Die Medien tun das Ihre, um die Spekulationen anzuheizen. Schließlich geht es nicht nur um Sex und Crime, die richtigen Themen um Auflagen und Zuschauerquoten zu erhöhen. Es geht vor allem um Macht, das Lebenselixier der Hauptstadt - und um die Wahrheit.

Glaubt man den Umfragen, dann ist die Liebschaft für die meisten Amerikaner ohnehin eine Tatsache. Sie hat Clintons Popularität bisher nur wenig geschadet. Zwar sind die Werte für seine Vertrauenswürdigkeit ins Bodenlose gesunken, dennoch bescheinigen ihm bis heute über sechzig Prozent der Amerikaner, daß er seine Arbeit gut macht. Die meisten von ihnen wollen von der Lewinsky-Affäre nichts mehr hören; aus der amerikanischen Provinz kommen vor allem Signale des Überdrusses. "Wann ist es endlich vorbei", stöhnte ein Hausfrau aus dem Mittleren Westen und spricht damit für viele, die sich trotz aller Zweifel ein Weißes Haus im Stande der Unversehrtheit und einen Präsidenten ohne Makel wünschen.