Das Private ist politisch - so lautete eine Forderung der Frauenbewegung. Ob Bill Clintons Libido privat oder politisch ist, darüber scheiden sich die Geister. Fest steht: Sie ist öffentlich - so öffentlich, daß uns die einzig übriggebliebene Supermacht derzeit ein Spektakel vorführt, das irgendwo zwischen absurdem Theater, Soap-opera, nationaler Gruppentherapie und permanenter Volksabstimmung zu verorten ist. Doch bevor wir uns nun mit europäischem Dünkel die Thesen bestätigen, daß die Amerikaner a) spinnen und b) sich besser um den Nahen Osten kümmern sollten, fragen wir uns lieber: Wie macht der Mann das? Wie schafft es Bill Clinton trotz freundlicher Konjunktur, minimaler Arbeitslosigkeit und solidem Finanzhaushalt, wie ein notorischer Rückfalltäter durch die Medienarena zu torkeln?

Seine Verteidiger, allen voran Ehefrau Hillary, machen eine rechte Verschwörung geltend. Daß christlich-rechte Vereinigungen viel Geld und Energie in die Demontage dieses Präsidenten investieren, ist unbestritten. Ihr Wirken wäre jedoch weitgehend folgenlos, könnten sie nicht auf eine tiefsitzende Verachtung vieler - überwiegend männlicher - Amerikaner für Bill Clinton bauen. Egal, wie gut die Wirtschaftslage und damit die Zustimmungsraten gerade sein mögen, Clinton schleppt ein Stigma mit sich herum, das er nach seiner ersten Wahl 1992 eigentlich als Pluspunkt einsetzen wollte: Seine Biographie weist keine Merkmale der amerikanischen Machismo-Kultur auf. Er ist der Sohn einer alleinerziehenden Mutter, statt Football hat er Saxophon gespielt. Die landestypische Affinität zu Gewehren läßt er vermissen, das Militär hat er gemieden, dafür gegen den Vietnamkrieg demonstriert und als Präsident Homosexuelle in diese Männerbastion zu integrieren versucht. Seine Frau präsentierte er als ebenbürtige Partnerin, mit der er die Arbeit im Weißen Haus zu teilen gedachte, seine Ehe als fortschrittliche Beziehung, in der es auch Krisen geben darf. Alles in allem ein mittlerer Kulturschock für ein Land, in dem eine konservative Bibelauslegung und ein klares Feindbild zur Grundausstattung vieler Haushalte gehören.