Gegen die puritanischen Backsteinbauten am Harvard Yard wirkt der Gebäudekomplex großzügig und modern. Doch die ältesten Teile des Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics (CfA) stehen auch schon mehr als hundert Jahre. In dieser Zeit gab es hier genau zwei Frauen mit Professorentitel: Die erste war Cecilia Payne, die 1925 herausgefunden hatte, daß Sterne hauptsächlich aus Wasserstoff bestehen. Die zweite ist Margaret Geller.

Cecilia Payne mußte lange um Anerkennung ihrer Entdeckung kämpfen und ist heute fast vergessen: Auf dem Harvard-Campus im Bostoner Vorort Cambridge erinnert keine Gedenktafel an die Astronomin. Margaret Geller kann Paynes Schwierigkeiten in Harvard gut nachvollziehen. Sie selbst hat 1972 im traditionsreichen Princeton promoviert, als zweite Frau in der Geschichte der dortigen Physikfakultät, und denkt nicht gerne an diese Zeit zurück. "Mitdoktoranden sagten mir ins Gesicht, ich hätte hier nichts verloren, es gebe schon für Männer nicht genügend Jobs in der Forschung." Auch mit ihrem Doktorvater kam Margaret Geller nicht zurecht. "Mein Selbstvertrauen hat in Princeton furchtbar gelitten", erinnert sie sich. "Oft dachte ich daran aufzugeben."

Vor zwölf Jahren gelang ihr hier eine Entdeckung, die für unser Bild vom Kosmos so fundamental ist wie einst die von Cecilia Payne. Geller hatte, unterstützt lediglich von ihrem Kollegen John Huchra und einer Doktorandin, die Position mehrerer tausend Galaxien vermessen und in eine dreidimensionale Karte eingetragen.

Karten sind nur interessant, wenn darauf unterscheidbare Strukturen zu erkennen sind. 1985 waren jedoch die meisten Kosmologen davon überzeugt, daß eine Karte des Universums nichts anderes zeigen würde als lauter regellos verteilte Galaxien. Zwar wußte man von einigen tausend Galaxienhaufen, in denen sich jeweils ein paar hundert dieser Sterneninseln in wechselseitiger Gravitationsanziehung zusammenballen. Doch größere Strukturen im Weltall? "Wir wollten damals eigentlich nur zeigen, daß es so was nicht gibt", erinnert sich Geller.

Diese Annahme war in dem besonders einfachen kosmologischen Modell begründet, wonach das Weltall vor etwa zwölf Milliarden Jahren mit dem Urknall begann und sich seitdem ständig ausdehnt. Die Galaxien entfernen sich dabei voneinander wie die Rosinen in einem aufgehenden Hefeteig. Das ist die einfachste Erklärung für die 1929 von Edwin Hubble entdeckte Tatsache, daß die meisten Galaxien sich von uns wegbewegen, und zwar um so schneller, je weiter sie entfernt sind.

Margaret Geller wollte herausfinden, wie homogen dieser Hefeteig wirklich ist. Dreidimensionale Kartierungen des Universums sind allerdings ein mühseliges Unterfangen: Man muß nicht nur die Position der Galaxien am Himmel feststellen, sondern zusätzlich ihre Entfernung von uns. Bei entfernten Galaxien geht das nur, indem man die Rotverschiebung ihres Lichtes relativ zum Sternenlicht unserer Milchstraße bestimmt. Diese Rotverschiebung ist um so größer, je weiter die Galaxien entfernt sind. Die Technik für diese Messungen steckte in den achtziger Jahren noch in den Kinderschuhen. Und die meisten Astrophysiker waren sich ohnehin sicher, daß eine Kartierung nichts Interessantes ergeben würde.

So war die Fachwelt vollkommen verblüfft, als Geller und Huchra im Januar 1986 ihre Galaxienkarte veröffentlichten. Sie zeigte einen Ausschnitt des Weltalls von der Form eines 600 Millionen Lichtjahre großen Tortenstücks, mit unserer Milchstraße an der Spitze. Was man darauf sah, hielten die Astronomen zunächst für einen vorgezogenen Aprilscherz: Die Galaxien waren in riesigen, scharf umgrenzten filamentartigen Strukturen zusammengelagert - und eine davon sah aus wie ein Strichmännchen.