Als im Juli 1965 die ersten Rauchschwaden durch den Garten der Bollhorns wehten, spähten die Nachbarn beunruhigt über den Zaun. "Machen Sie sich keine Sorgen", rief Elke Bollhorn hinüber, "wir grillen nur." Das beunruhigte die Nachbarn noch mehr, denn "Grillen", das klang irgendwie befremdlich. Außerdem roch es nicht besonders angenehm.

Die Bollhorns waren gerade erst aus Amerika zurückgekehrt. Vier Jahre lang hatten sie dort ein Volk im Barbecuefieber erlebt, während man zu Hause im Hamburger Stadtteil Groß Flottbek noch zu Hawaiitoast und Heringssalat auf die Terrasse lud. Als es an die Heimreise ging, beschloß die Familie, einen Grill für Deutschland zu kaufen.

Schon zwei Jahre später hatte der Bollhornsche Import-Grill seine Exklusivität verloren. Arbeiter und Akademiker in der ganzen Republik versammelten sich in Turnhosen vor dem Klappgrill, Großmütter und Enkeltöchter tauschten Marinade-Rezepte aus. Klassen- und Generationsgegensätze schienen sich in Rauch aufgelöst zu haben.

Heute allerdings, drei Jahrzehnte später, meint die Landjugend Württemberg-Baden, zur Solidaritätsaktion "Rettet das Grillen" aufrufen zu müssen, um "bei jungen Leuten für eine größere Akzeptanz heimischer Fleischprodukte und ihrer Zubereitung auf dem Rost zu sorgen".

Denn Soziologen, Ernährungsexperten und rauchempfindliche Nachbarn haben das Grillen in Verruf gebracht. "Nicht nur das Aufstellen des Grills, das Entzünden des Holzkohlefeuers, auch Einkaufen, Vorbereiten und Würzen der Grillade läßt sich der Mann kaum nehmen", schrieb der Kulturwissenschaftler Ulrich Tolksdorf 1973. Mit der Würstchenzange in der Hand, so pflichtete ein Fachkollege bei, fühle sich der Mann als "Herr der Sippe" und "Verteiler der Nahrung" - der die Frauen zum Salatschnippeln abkommandiert.

Damit war die soziale Idylle am Rost zerstört. "Bekennende Feministinnen und ihre Lebensgefährten", berichtet Babett Hascher, die in den siebziger Jahren Soziologie an der Gesamthochschule Wuppertal studierte, "luden den Klappgrill in den R4, um ihn fortan nur noch dort anzuwerfen, wo einen keiner der Gesinnungsgenossen beobachten konnte", auf dem Zeltplatz in Sardinien oder an einem schwedischen Waldsee.

Grillgegner klagten gegen ihre Nachbarn, die fröhlich im Holzkohlerauch feierten. Journalisten und Mediziner sorgten schließlich dafür, daß auch der Rest der Bevölkerung sein Holzfällersteak nicht mehr ohne Gewissensbisse genießen konnte. Redakteure des Verbrauchermagazins Guter Rat warnten ihre Leser vor Krebs im Grillgut, und der inzwischen selbst an Krebs verstorbene Arzt Günnar Schmude aus Berlin empfahl seinen Patienten, "am besten nur Brühwürstchen zu essen".