Horst Köhler kommt vom Englischunterricht. Lehrer aus dem Auswärtigen Amt haben den Präsidenten des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes von acht bis drei Uhr auf Einzelgespräche, Verhandlungsführung und Telephonate getrimmt. Nicht, daß Köhler kein Englisch spricht. Doch wenn Hektik aufkommt, wird sein Satzgefüge schnell deutsch und sein Akzent schwäbisch. Und das soll nicht passieren, wenn sich der 55jährige am 1. September beim Dinner dem Executive Board der Londoner Osteuropabank als neuer Präsident vorstellt.

Seinen Ehrgeiz gibt Köhler unumwunden zu. Doch mit seinem offenen Hemdkragen und seinem jungenhaften Lachen wirkt er erfrischend unangestrengt. Diese Mischung aus Arbeitswut, Kompetenz und Gelassenheit hat auch Helmut Kohl beeindruckt. Als die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, kurz: Osteuropabank, einen Präsidenten suchte, drängte der Kanzler Horst Köhler, den Job zu übernehmen. "Das müssen Sie machen. Das ist im Interesse Deutschlands und Europas." Köhler macht es - und wird nun zum ersten Deutschen, der eine bedeutende internationale Finanzorganisation führt.

Daß Köhler seinen Arbeitsplatz vom beschaulichen Bonn an den Exchange Square in der Londoner City verlegt, hat auch mit seiner Familiengeschichte zu tun. In den Kriegs- und Nachkriegswirren mußten Köhlers Eltern - ein Bauernpaar aus Rumänien - dreimal umsiedeln. Köhler kam 1943 als zweitjüngstes von acht Kindern in Polen zur Welt. Zum Kriegsende wurde die Familie nach Leipzig vertrieben. 1954 flüchteten die Köhlers in den Westen und ließen sich im schwäbischen Ludwigsburg nieder. Das Ziel der Bank, in Osteuropa Demokratie, politische Stabilität und Marktwirtschaft zu fördern, ist ihrem künftigen Präsidenten ein persönliches Anliegen.

Köhler denkt unkonventionell, was er als Staatssekretär von Finanzminister Theo Waigel bewiesen hat. Schon Mitte Dezember 1989, früher als Waigel, das Kanzleramt und alle anderen, entwarfen Köhler und sein Referatsleiter Thilo Sarrazin erste Konzepte zur deutsch-deutschen Währungsunion und zur staatlichen Einheit, wie Dieter Grossers soeben erschienenes Buch "Das Wagnis der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion" dokumentiert. Der Spitzenbeamte, der Mitglied der CDU ist, gewann zunächst Waigel, dann Kohl für das Konzept. Den Vorwurf, mit der rapiden Union eine nationalstaatliche Lösung der deutschen Frage gefördert und einen europäischen Ansatz verhindert zu haben, weist er von sich. "Es gab keine Alternative. Die DDR war politisch wie ökonomisch am Ende der Fahnenstange angelangt."

Köhler will persönlich darauf geachtet haben, daß in der Präambel zum Einheitsvertrag steht, die deutsche Einheit sei Teil des europäischen Einigungsprozesses. Den EU-Partnern reichte das nicht. Vor allem Frankreich verlangte rasche Gespräche über eine Europäische Währungsunion - als Garantie für Deutschlands Integrationswillen. Helmut Kohl machte Köhler bei den Verhandlungen über den Maastricht-Vertrag zum deutschen Unterhändler für Währungsfragen. Das Vertrauen des Kanzlers wurde nicht enttäuscht. Die Partner lernten einen verbindlichen, doch in der Sache beinharten Köhler kennen. Er setzte alle deutschen Positionen - Unabhängigkeit der Notenbank, Verschuldungsgrenzen und Preisstabilität - kompromißlos durch.

Mit den Ergebnissen seiner Arbeit war Köhler nicht immer zufrieden. In einem ZEIT -Gespräch 1995 nannte er die Einführung der Mark in Ostdeutschland "eine Sturzgeburt". Beim gesamten Einigungsprozeß seien "Fehler passiert". Diese Äußerungen haben Köhler damals viel Ärger gemacht. Dabei hat er nur öffentlich angedeutet, wofür er privat schon viel früher plädiert hatte. Der Kanzler hätte die Westdeutschen mit einer Schweiß-, Blut- und Tränenrede nach dem Vorbild Churchills auf Opfer für die Einheit einstellen müssen.

Köhler bedauert, daß die politische Union - vom Bundeskanzler während der Verhandlungen zum Maastricht-Vertrag stets als Pendant zur Währungsunion bezeichnet - weitgehend leere Worthülse blieb. Der Ökonom sieht darin Gefahren für die Gemeinschaftswährung. Deshalb plädiert er für enge finanz- und wirtschaftspolitische Abstimmungen im Euro-Land, vor allem zwischen den Kernländern Deutschland und Frankreich. Zudem fordert Köhler einen europäischen Weisenrat, der eine europäische Verfassung entwerfen soll, "die traditionelle Begriffe wie Bundesstaat und Staatenbund überwindet und eine starke Betonung auf Subsidiarität legt".