Kunst für Kinder ist ein gutes Geschäft, jedenfalls hält der wohlsortierte Museumsshop mittlerweile eine Unzahl von Puzzles, Malbögen und Stofftierchen parat, die als Mitbringsel begehrt sind, auch wenn sie mit Gemälden oder Skulpturen selten noch etwas zu tun haben. Da mögen das Kunstkartenspiel oder der Bastelkunstbogen noch so dämlich sein - sie werden gern gekauft, denn schließlich erwirbt man mit ihnen ein fröhlich-buntes Stückchen Bildung für den Nachwuchs, und der ist die Extramark allemal wert. Doch es geht auch anders, ohne Kitsch und Kiki. Das beweist eindrucksvoll ist und noch dazu den Geldbeutel der Eltern schont. Seit 1995 gibt es sie jetzt schon, diese stets hervorragend bebilderte, von Ute Blaich betreute und von Rowohlt verlegte Kunstsachbuchreihe "Mein Bild". Erschienen ist jüngst der 9. Band, in dem Thomas David uns mitnimmt auf eine Reise kreuz und quer durch das Leben Vincent van Goghs.

Am Anfang und am Ende dieser Expedition steht die "Brücke von Arles" - kein Bild, das einem entgegenblickt wie die "Hülsenbeckschen Kinder" von Philipp Otto Runge oder das aus dem Rahmen springt wie die "Blauen Fohlen" von Franz Marc. Und dennoch gelingt es Thomas David, auch dieses ganz stille und unspektakuläre Gemälde sprechen zu lassen, und in der fragilen Konstruktion der Brücke scheint sich die nur lose Vertäuung, die gefährdete Balance im Leben van Goghs abzuzeichnen.

Ohne nach Effekten haschen zu müssen und ohne die Wahrheit in nur eine Dimension zu drängen, vermittelt sich so, wie zersprungen und haltlos van Gogh war und wieviel Zuflucht und Kraft ihm die Malerei gab, auch wenn sie zugleich an seinen Kräften zehrte. Der Künstler als der Andere und der Außenseiter tritt einem hier entgegen, und als der Unverständliche wird er verständlich. Ganz nebenbei werden wir dann noch vorbeigeleitet an dem Werk van Goghs in seinen vielen Facetten, und die Zeit, in der seine Gemälde und Skizzen entstanden, beginnt zu leben.

"Sehen, was man sieht" - unter diesem Motto des Architekten Le Corbusier steht die Kunstbuchreihe von Rotfuchs, und Thomas David löst es ein, ohne besserwisserisch oder belehrsam zu sein. Die mannigfaltigen Bilder hinter dem Bild läßt er leuchten und führt uns einmal mehr vor, daß Kunst für Kinder viel mehr sein kann als nur Kinkerlitzchen.

LUCHS 140 wurde ausgewählt von Doris Dörrie, Mirjam Pressler, Jens Thiele und Konrad Heidkamp. Am 10. August, 16.30 Uhr, stellt Radio Bremen 2 seinen Hörern das Kunstsachbuch vor (Redaktion: Marion Gerhard). Das Gespräch mit dem Rezensenten ist abrufbar im Internet. · Thomas David: Vincent van Gogh: Brücke von Arles

rotfuchs, Rowohlt Verlag, Reinbek 1998; 127 S., 16,90 DM