Liebe Mama, heute fahren wir von Berlin an unseren festen Aufenthaltsort, an die Schweizer Grenze, wo es wahrscheinlich sehr langweilig und sehr heiß sein wird. Meine Adresse: Deutschland, Badenweiler Herrn Anton Tschechow.

So wird mein Name hier in meinen Büchern gedruckt, also muß auch ich ihn so schreiben." Die Schreibweise hat sich geändert. Ansonsten alles beim alten hier oben in Badenweiler: Villen mit Holzveranden, gepflegte Kurwege, zu festgesetzten Zeiten Ruhe und zwischendurch tönend Geplapper. "Im Haus und außer Hause hört man keinen Ton, nur um 7 Uhr abends und mittags spielt man im Park Musik, reich, aber sehr unbegabt."

Personalkosten dürften wohl nicht entstehen, hat die Gemeinde beschlossen. Deshalb liegt alles still und unbeaufsichtigt unter den gläsernen Vitrinen; ein Sesselchen hier und da erleichtert das Studium der Briefe, der Kurhausverordnung, der kleinen Geschichte Badenweilers ("mit großem Anteil russischer Gäste"), der Rechnung des Leichenbeschauers.

Er ist nicht an Langeweile gestorben, er hustete schon als junger Mann Blut. Erschöpft von seinen Pflichten als Arzt, erschöpft von der allgemeinen Apathie, als Schriftsteller zutiefst unsicher, konstatierte der Dreißigjährige: "Wir haben weder Nah-, noch Fernziele, unser Herz ist wie leergefegt. Wir haben keine Politik, an die Revolution glauben wir nicht, wir haben keinen Gott, haben keine Angst vor Gespenstern... Ob dies eine Krankheit ist oder nicht - es geht nicht um die Bezeichnung, sondern um das Eingeständnis unserer schlechten Lage."

Nicht nur Badenweiler würde er wiedererkennen. Auch seine traurigen Helden, seine vermurksten Ideologen, die von den Wäldern schwärmen, der Frauenemanzipation, den Broschüren zum Volkseigentum, die mit leuchtenden Augen die Teegesellschaften zum Gähnen bringen: Kennen wir alles, mein Junge, kennen wir längst! Daraus wird nichts... Gib mir noch einen Wodka, mein Täubchen! - Seine ausgemusterten Denker, seine Frühpensionäre wider Willen und die frustrierten klugen Frauen, die lange am Fenster stehen und am Ende nichts sagen als: "Es regnet." Und darin ist alles beschlossen, auch diese trostlose und zähe Verwunderung darüber, daß all die guten Ideen wie Mobileschiffchen über den Köpfen hängen, so federleicht und gut zu sehen, so mit der bloßen Hand zu greifen - aber es führt einfach zu nichts. Die Lähmung ist stärker, jeder Aufbruch schmeckt ranzig, und auch das klügste Wort fängt an der Luft sofort an zu modern. Nein, es könnte ihm keiner erklären, warum sein Personal, vor gut hundert Jahren in Rußland zu Hause, so unerhört lebendig ist. So welk.