Der 24. Juli 1998 war ein guter Tag für die Amateurphotographen am Strand von Santa Monica. Eine Herde Delphine, etwa fünfzehn Tiere insgesamt, war von Westen her in die Bucht hereingeschwommen und zog langsam nordwärts Richtung Malibu, immer nah am Ufer entlang. Die kleinen Tümmler sprangen verspielt im Wasser herum, die Größeren hielten gemächlich mit ihnen Schritt. Boote voll neugieriger Touristen begleiteten sie. Die Angler am Santa Monica Pier vergaßen ihren Fang und starrten in die Wellen, badende Familien stürzten sich auf ihr Gepäck und kramten die Kameras heraus. Kinder schrien, die Brandung rauschte, und es war eine Lust, am Leben zu sein.

Es traf sich, daß am gleichen Tag in Los Angeles, wie überall in Amerika, Steven Spielbergs neuer Film "Saving Private Ryan" anlief, der ebenfalls an einem Strand beginnt, nur an einem viel schlimmeren, grausamen, blutigen. Denn der 6. Juni des Jahres 1944 hätte nicht schrecklicher beginnen können für die amerikanischen Marinesoldaten, die an einem "Omaha Beach" getauften Landstreifen in der Nähe des normannischen Dorfes Vierville aus ihren Booten sprangen. Sie trafen auf eine kampfbereite deutsche Infanteriedivision, die durch die vorausgegangenen alliierten Bombenangriffe erst richtig alarmiert worden war. Maschinengewehrsalven mähten die landenden Soldaten nieder, Mörsergranaten zerfetzten sie. Ihre Amphibienfahrzeuge versanken in der brandenden See. Die Überlebenden verkrochen sich hinter den Panzersperren, mit denen der Strand übersät war. Bis zum Nachmittag waren die Amerikaner nicht über das schmale Uferstück hinausgekommen. Erst dann gelang es ihnen mit Hilfe von Jagdbombern, die deutschen Bunker und MG-Nester in den Dünen zu erstürmen.

Im Publikum stöhnten die Frauen auf, wenn amerikanische Soldaten starben

Das konnte Steven Spielberg natürlich nicht mehr passieren.

Schon lange vor dem Kinostart hatte "Saving Private Ryan" für Erregung gesorgt. Veteranen von damals, hieß es, seien in Sondervorführungen des Films aus dem Kinosaal gelaufen, weil das wiedergekehrte Grauen sie übermannt habe. Andere hätten erklärt, genau so und nicht anders sei es gewesen im Juni 44. Dem Film, der vom Zensor mit "R" bewertet, also für Jugendliche unter sechzehn Jahren nur in Begleitung Erwachsener freigegeben worden war, eilte der Ruf einer brutalen, alles Klischee- und Genrehafte überwindenden Wahrhaftigkeit voraus: "the film to end all wars", der endgültige Antikriegsfilm, wie der diesmal ungewohnt laute und schrille New Yorker schrieb. Spielberg, so schien es, war wieder einmal gelungen, was er schon mit "Schindlers Liste" erreicht hatte: ein filmisches Darstellungsmuster an seinen Schlußpunkt zu führen, eine Erzähltradition fortzusetzen und sie zugleich zu überbieten.

An diesem Nachmittag stand schon zur Vier-Uhr-Vorstellung vor dem Cineplex Odeon Theatre am Broadway eine Menschenschlange. Drinnen lief "Saving Private Ryan" auf drei von fünf Leinwänden. Als der Film begann, erschien auf der Leinwand das Sternenbanner. Aus Trompeten wehten pathetische Töne. Es war, als würde das Publikum auf den Film vereidigt. Dann sah man eine amerikanische Familie, Eltern und Kinder, der Großvater voran, über einen Friedhof schreiten. Weiße Kreuze in langen Reihen: Kriegsgräber, Normandie. Der alte Mann kniete nieder, Tränen traten in seine Augen. Da kam die Erinnerung über ihn: Omaha Beach.

Anschließend gab es zwei Stunden Krieg. Männer in grünen Uniformen erstachen, erschossen, erschlugen sich gegenseitig, Männer wurden von Granatsplittern zerfetzt, von Flammenwerfern verbrannt, von Panzerketten zermalmt, aber im Publikum waren es besonders die Frauen, die aufstöhnten, wenn sich wieder eine Kugel, eine Klinge oder ein Schrapnell in einen amerikanischen Körper bohrte, wenn wieder ein Junge aus Iowa oder Brooklyn sein Leben für die Freiheit aushauchte. Die männlichen Zuschauer gingen erst am Ende richtig mit, als es Tom Hanks erwischte, der doch gar nicht sterben durfte, denn er war ja unser Stellvertreter im Bild. Doch dann war es vorbei, noch einmal sah man den Greis auf dem Friedhof, noch einmal die Fahne, noch einmal tönten Trompeten, das Licht im Kinosaal ging an, und alle weinten.