Der Verwalter dieser Milliarden, Paul Hoffman, ließ bei seinem ersten Besuch Europas in seiner neuen Eigenschaft unmißverständlich erkennen, daß Europa hinkt, wo es springen sollte, und sei es mit letzter Kraft. Er vermißt den Schwung, den inspirierenden Funken, ja selbst das uneingeschränkte Interesse der höchsten Stellen in den einzelnen Staaten. Und aus seiner Kenntnis der amerikanischen Mentalität erwächst daraus die Befürchtung, drüben könne die Freude an der Hilfe vorzeitig erlahmen. Von den Erfolgen im ersten Jahre hängen die Bewilligungen für das nächste Jahr ab. Das weiß Hoffman, das sprach er aus, und fühlt sich dabei in der wenig dankbaren Rolle, den Empfängern erst zureden zu müssen, während die Zeit drängt. Der Vertreter Englands, Schatzkanzler Sir Stafford Cripps, erwies sich durch Hoffmans Kritik besonders getroffen. Dazu trug bei, daß schon vor der Pariser Konferenz der Marshall-Plan-Länder kontinental - europäische Zeitung Kohlen gleicher Art auf das Haupt von John Bull gehäuft hatten. Zwar sind britische Experten in Paris tonangebend und emsig um Zahlen und Fakten und praktische Arbeit bemüht. Aber es kommen nur trockene Statistiken dabei heraus, und die Regierungen des Festlandes vermissen die große Linie. Nicht daß die anderen deshalb schuldlos wären. Aber sie fühlen sich etwas der Führung beraubt, seitdem Downing Street seinen so sicher auf dem ungewohnten Marshall-Plan-Parkett ausschreitenden Sachverständigen – den im Kriege zum klarsichtigen Wirtschaftsplaner gewordenen Philosophieprofessor aus Oxford, Oliver Franks – nicht zum ständigen Vertreter beim Pariser Büro, sondern zum britischen Botschafter in Washington bestellte. Sie fürchten, daß England zwar Marshall-Hilfe nehmen will, wie die anderen auch, aber nicht bereit sei, aus der insularen Reserve herauszutreten und sich vorbehaltlos an die Spitze einer westeuropäischen Wirtschaftseinheit zu stellen, den übrigen ein Vorbild, dem man nacheifern könnte – und müßte. Den Verdacht eines Solo-Derby konnte Cripps in Paris nicht vollständig zerstreuen. Man spürte für die übrigen Starter eher bremsenden Zügelgriff, wo man einen aufmunternden Peitschenschwung erwartete. Er empfahl politisch besetzte Konferenz der Marshall-Länder "bei bedarf" und nach Einladung, nachdem eine irische Anregung zu regelmäßigen Zusammenkünften nicht nur viele Beteiligte, sondern auch den amerikanischen Gast angesprochen hatte. Dabei hatte Cripps sich auch einige Ermunterungen ausgedacht. Den Europäern kündigte er einen Nutzen aus den britischen Erdnuß- und sonstigen Afrikaprojekten an. Und Mr. Hoffman begeisterte er mit dem Vorschlag, einen britisch-amerikanischen Rat von Unternehmern und Arbeitnehmern zu bilden, der Englands Industrie mit dem technischen Fortschritt Amerikas bekanntmachen soll. Doch gerade hier zeigte sich, wie sehr die britische Öffentlichkeit dem Planer Cripps mißtraut und ihm die Hände zu binden trachtet. Weit davon entfernt, in dieser Gründung einen Gewinn für England zu sehen, wetterte das Unterhaus zwei Tage lang über die "unerhörte Einmischung" in die wirtschaftliche Souveränität Großbritanniens. Die konservative Opposition sorgte sich um eine unangebrachte "Gefährdung der Qualität britischer Waren durch die Übertragung der Prinzipien amerikanischer Massenproduktion". Aus dem Labourlager klangen ängstliche Befürchtungen auf, der amerikanische Kapitalismus könne die britische Sozialisierung beeinträchtigen. Cripps mußte seine nicht geringe Überredungskunst aufbieten, um die Parlamentarier zu überzeugen, daß viele britische Industriezweige bisher ohne jeglichen Kontakt mit den technischen Erfahrung Amerikas seien und daß nichts unversucht bleiben dürfe, die englische Produktionsleistung zu verbessern.

Ein freiwilliger Bundesgenosse bot sich ihm an, als auf dem Londoner Gewerkschaftskongreß der Marshall-Plan-Länder (auf der Westdeutschland übrigens im Gegensatz zur Pariser Tagung gleichberechtigt vertreten war) die Delegierten der beiden großen USA-Gewerkschaften offenbar kräftig vom Leder zogen. Aus ihrem Kreise soll schon vorher eine Denkschrift nach England gelangt sein, in der höchst kritisch den britischen Arbeitervertretern vorgeworfen wird, sie vertrauten bei der Verwirklichung ihrer Interessen zu sehr auf politische Mittel. Die Steigerung der Leistungen komme dabei entschieden zu kurz. Ein einzelner Vorstoß dieser Art wird sicherlich das festgefügte (und ein wenig festgefahrene) Verhältnis der britischen Arbeiter zur Arbeit nicht von Grund auf ändern können. Doch da die Kritik offenbar zwar energisch, aber in freundschaftlichem Geist vorgebracht und überdies von einer ehrlich begeisterten Hilfsbereitschaft der amerikanischen Gewerkschaften für Europa im Sinne Marshalls getragen wurde, scheint sie auf nicht zu steinigen Boden gefallen zu sein. Und so wie die Aussprache der Gewerkschaftler in London, hat auch die Beratung der Politiker in Paris die Atmosphäre etwas bereinigt. Dies dürfte auch einige Früchte tragen. Die Anregung von Mr. Hoffman, jedes beteiligte Land möge einen Vierjahresplan für seine eigene Marshall-Hilfe und das Pariser Büro einen zusammenfassenden Plan für die europäischen Bedürfnisse ausarbeiten, möglichst für die einzelnen Jahre unterteilt, dürfte wohl befolgt werden. Es hat dabei durchaus beruhigend gewirkt, daß Hoffman nur eine Rahmenplanung vorschwebt, von der er auch keinerlei Perfektion, sondern nur eine Konzeption der Richtschnur erwartet. Schwieriger wird es sein, dem Pariser Büro, als dem Organ der Beteiligten, grundsätzlich die Zuweisungen zu überlassen, die nur bei physischer Leistungsunfähigkeit der USA von Washington abgeändert werden sollen.

Einen heftigen Schrecken vor der eigenen Courage scheint man aber in verschiedenen Hauptstädten wegen des im Prinzip angenommenen Währungspools bekommen zu haben. Recht glatt geht den "Gläubigerländern" (also Länder, die mehr nach Marshall-Länder exportieren also sie von ihnen beziehen) der Vorschlag herunter, daß sie "Schuldnerländern" Kredite für dringende Einkäufe bei ihnen einräumen sollen. Denn für diese Kredite erhalten sie, vorbehaltlich amerikanischer Zustimmung zur einzelnen Transaktion, zusätzliche Dollar aus dem Marshall-Pool. Aber der zweite, weit wichtigere Plan, ein multilaterales Clearing der 17 Marshall-Länder zu schaffen und dabei als eine Art "Europa-Devise" die Erlöse zu benutzen, die aus den amerikanischen Lieferungen in jedem einzelnen Lande anfallen, dieser Plan macht offenbar vielen viel Kopfzerbrechen.

Dabei liegt hier der Ansatzpunkt für eine großartige Belebung des europäischen "Binnenhandels". Die Produktionssteigerung jedes einzelnen Landes mit Hilfe der amerikanischen Lieferungen könnte dadurch einem wachsenden europäischen Güteraustausch nutzbar gemacht werden, ohne daß, wie bisher, ständig der Devisenschuh drückt. Diese Vervielfältigung des Marshall-Plan-Nutzens könnte mehr als alles andere dazu beitragen, daß jene friedliche Einheit der Marshall-Plan-Länder geschaffen wird, zu der die Initialhilfe der USA eine, wohl einmalige Gelegenheit bietet.