Hand aufs Herz: Wir alle, die Generationsgenossen von Martin Walser, die von Anfang an und Buch um Buch seinen Weg verfolgt haben als Leser, Freunde, Kritiker, wir waren doch allmählich der Meinung, nun könnte man die Akten schließen über diesem Werk. In der Hoffnung natürlich - klammheimlich vielleicht auch in der Befürchtung - dieser Unermüdliche, Unerschöpfliche würde noch unendliche Variationen aus dem Vorrat seiner Masken und Stellvertreter im Text, seiner Kristleins, Zürns, Halms, Meßmers et cetera hinaustreiben. Aber doch nichts Überraschendes mehr wagen. Da haben wir uns getäuscht. Da hat er uns getäuscht.

Man muß dieses neue Buch nur aufs Geratewohl irgendwo aufschlagen und zu lesen anfangen, ein paar Sätze oder Absätze: Sofort gerät man in den Sog eines bei Walser ungewohnten lakonischen Erzähltons. Kaum noch Spuren der Erregungssuada, die sonst, aus dem Inneren der Protagonisten hervorsprudelnd, seine Bücher vorwärtstreibt und zusammenhält. Statt dessen knapp konzentrierte, kräftige Sätze, schmucklos, doch ausdrucksvoll, fast ohne Adjektive, zurückblickend in ferne, verwunschene Zeiten, von denen Walser, dieser passionierte Gegenwartserfasser, noch nie ausdauernd erzählt hat. Nun also hat er den Roman seiner Kindheit und Jugend aufgeschrieben, Autobiographie als Roman. Dichtung als Wahrheit, spät, später jedenfalls als Goethe, der die Formel für solche Erinnerungskunststücke und für deren durchaus fiktionale Authentizität geprägt hat.

Aber wie läßt sich Vergangenheit heraufrufen und verwandeln ins raunende Imperfekt des Erzählens? Dreimal, vor jedem seiner Romanteile, sinnt der Autor melancholisch dieser Frage nach. An eine seiner ersten Antworten wird er sich halten: "Erzählen, wie es war, ist Traumhausbau. Lange genug geträumt. Jetzt bau. Beim Traumhausbau gibt es keine Willensanstrengung, die zu etwas Erwünschtem führt. Man nimmt entgegen. Bleibt bereit."

Konkret in tausendundeinem Detail und doch wie Traum und Spuk baut sich ein fernes Wasserburg aus Worten vor uns auf, voll von längst verklungenen Stimmen, wiederbelebten Gesichtern, Farben, Gerüchen. Wieder und wieder zischt und brabbelt Herr Seehahn seine Weltverwünschungen, verkündet Helmer Gierers Hermine ihren Dorfklatsch, wirft Johanns ewig bekümmerte Mutter ihren Schatten auf die Familie, Frau Sorge in fast archaischer Gestalt, während der Vater träumt und spinnt und für Johann auf einem "Wörterbaum" erlesene Vokabeln sammelt. Immer wieder fährt Johann Kohlen aus, wird Geschirr gespült in der elterlichen Wirtschaft, marschiert das Dorf in die Kirche.

Als ein Triptychon aus drei Bildern hat Walser seinen "Springenden Brunnen" entworfen: Das erste, unter dem trotzig-traurigen Titel "Der Eintritt der Mutter in die Partei" erfaßt die Jahreswende 1932/33, das zweite Frühjahr und Sommer 1938, das dritte die Monate vor und nach dem Kriegsende 1944/45. Jedesmal also stoßen Johanns Innenwelt und die geschlossene Dorfwelt zusammen mit einer von draußen immer gewaltsamer eindringenden "großen Zeit".

Und doch wird hier nicht Vergangenheit "bewältigt" wie einst in "Blechtrommel" oder "Deutschstunde", in den "Jahrestagen" oder im "Kindheitsmuster". Walsers Traumhausbau nämlich kennt keine Moral, keine Einsicht von heute aus. Gewissenlos wie echte Träume holt er aus der Tiefe in der Zeit in Bilderserien die alten Gesichter und Geschichten zurück, zeigt den milden ersten Ortsgruppenleiter Minn, den stierderben SA-Häuptling Brugger, einen zusammengeprügelten vorlauten Zirkusclown und die Altparteigenossin Mutter, die sich schon Ende 1932 in dumpfer Existenzangst bei den Nazis eingeschrieben hat. Das alles steht streng und unvermittelt, unkommentiert nebeneinander. Niemand wird angeklagt, niemand freigesprochen.

Womöglich sind gerade die scheinbar unpolitischen Geschichten des Buchs die eigentlich politischen. Etwa die der Jungenfreundschaft zwischen Adolf und Johann. Adolf nämlich heißt nicht nur so, sondern denkt und redet als Sohn des SA-Chefs genau wie der. Er wird Johann auf ewig fremd, ein Rivale und immer sein Freund bleiben. Das war so, das bleibt so, rätselhaft, doch daran ist auch im Rückblick nichts zu ändern, aufzuklären oder zu verbessern.