Es war im April des gesegneten Jahres 1248, als das Kölner Domkapitel beschloß, die ehrwürdi-ge karolingische Bischofskirche durch einen Neubau zu ersetzen. Vier Monate später, am 15. August, legte Erzbischof Konrad von Hochstaden den primarium lapidem, den ersten Stein der neuen Kathedrale.

Es schien nicht ratsam, die Einladung des mächtigen Konrad auszuschlagen. Er war geistliches Oberhaupt der Bistümer Utrecht, Lüttich, Aachen, Münster und Osnabrück, weltlicher Herr über weite Teile des Niederrheins und Westfalens, Königsmacher und Reichsspolitiker zuerst, dann Landesfürst und Stadtherr, ganz zuletzt erst Hirte seiner Herde. Und so waren fast alle erschienen, die im Rheinland und Westfalen Rang und Namen hatten, auch Wilhelm von Holland war da, seit einem Jahr deutscher König von Konrads Gnaden. Natürlich leuchtete im inneren Zirkel der Festversammlung auch das rote Ornat der Domkapitulare, auch sie fast ausnahmslos mächtige Adelsmänner und so beansprucht von den politischen Geschäften dieser Welt, daß man ihnen für die Teilnahme an den Messen Sitzungsgelder zahlen mußte. Nur acht der etwa fünfzig Herren waren geweihte Priester. Am kostbarsten herausgeputzt erschienen die Vertreter des städtischen Patriziats, die zu ihrem Leidwesen nicht zum Adel gehörten und ihre Familien deshalb ersatzweise die "Geschlechter" nannten. Besonders ihre Damen kamen in orientalischen Stoffen so aufgedonnert daher, daß manch Edelfräulein vor Neid erblaßte. Der Erzbischof hätte sich die anmaßenden Emporkömmlinge gern vom Hals gehalten, aber das konnte er nicht, weil sie das Geld hatten, das er dringend brauchte.

Ganz ohne Einladung indes war auch das Volk gekommen und tat, was Kölner bis heute am liebsten tun und am besten können: Es staunte, jubelte und feierte ein fröhliches Fest.

Die Kathedrale als Standortfaktor Dabei hätte es auch ohne neue Kathedrale mit seiner Stadt ganz zufrieden sein können. Nach sechzigjähriger Bauzeit war die dritte Stadtmauer mit ihren fünfzig Türmen und zwölf mächtigen Torburgen eben fertig geworden. Leben und Besitz der Bürger in der größten Stadt des deutschen Sprachraums galten nun als sicherer denn irgendwo sonst, und um das Heil der knapp vierzigtausend Seelen bemühten sich einhundertfünfzig Kirchen und Kapellen. Pilger aus ganz Europa zogen nach Köln, das wegen seiner Reliquienschätze wie Rom, Byzanz und Jerusalem als "heilige" Stadt galt.

Hätten die Kapitelherren nach Rentabilitätskriterien unserer Zeit entschieden, wäre der Neubau nie beschlossen worden. Die Kosten waren unkalkulierbar, der frühestmögliche Termin seiner Vollendung lag jenseits der Lebenserwartung mehrerer Generationen, im Verhältnis zur Zahl seiner Einwohner hatte Köln mehr Kirchen als Rom, und dann gab es noch den neunzig Meter langen, fünfschiffigen alten Dom. Wozu, um des Himmels willen, wollten die Kölner einen neuen?

Für das fromme Volk steckt die Antwort in der Frage: um des Himmels willen eben. Ein Dom zur größeren Ehre Gottes war eine Investition in die Ewigkeit und damit allen Fragen nach seiner irdischen Zweckmäßigkeit entzogen. Das Volk glaubte fest, mit Opfern und Mühen für seine Vollendung Aktien zu erwerben, die in der anderen Welt reiche Rendite bringen würden.

Außerdem - auch solch irdische Motive spielten eine Rolle - könnten nach dem Ende des Baubooms an der Stadtmauer Arbeitsplätze erhalten bleiben. Noch mehr Pilger waren zu erwarten, und damit noch bessere Geschäfte für Handel und Gewerbe. Der Glanz des "heiligen Köln" würde noch weiter strahlen und dem Fernhandel der Stadt den Zugang zu fremden Märkten erleichtern. Nicht umsonst warben die wegen ihrer Qualität im ganzen Abendland begehrten Kölner Münzen mit einem Bild der S(ancta) COLONIA A(grippina).